Wann abwarten, wann therapieren?

NATUR+PHARMAZIE 5/2017

Anhaltendes Erbrechen bei Säuglingen

Wenn Neugeborene immer wieder erbrechen, kann das für die Eltern ein dramatisches Ereignis darstellen. Eltern, die in der Apotheke über häufiges Erbrechen ihres Säuglings berichten, sollten in jedem Fall an einen Kinderarzt verwiesen werden. Denn es können – in seltenen Fällen – auch gravierende Ursachen dahinter stecken.

Wenn bei Säuglingen Mageninhalt nicht willentlich zurück in den Ösophagus fließt, ist das grundsätzlich ein physiologisches Ereignis. Das Kind kann kurz nach dem Füttern regurgitieren oder erbrechen, auch mehrmals am Tag. Man bezeichnet dies dann als gastroösophagealen Reflux (GER), der z. B. mit Ablehnung des Fütterns oder Weinen assoziiert sein kann. Die Pathophysiologie dahinter: Der untere Ösophagussphinkter ist noch nicht ausgereift, und Milch kann durch diese (noch physiologische) Öffnung in den Ösophagus zurückfließen. GER verschwindet meistens wieder von ganz alleine ohne weitere Diagnostik oder Therapie.
Wenn der Reflux allerdings weitere Symptome verursacht, spricht man von einer gastroösophagealen Reflux-Erkrankung (GERD). Symptome können sein: Lebensqualitätsverschlechterung des Babies, unzureichende Gewichtszunahme, Schlafprobleme oder wiederholte Infekte. In einer australischen Studie berichtete fast ein Viertel aller Eltern von GER-Symptomen ihrer Kinder. Bei der Hälfte aller Kinder begannen sie innerhalb des ersten Lebensmonats, und bei 75% verschwanden sie innerhalb der ersten sechs Monate wieder. Im Vergleich dazu lag die Prävalenz von GERD bei 1,25%.
 
Vor der achten Lebenswoche?
 
Bei GER beginnen die Symptome typischerweise vor der achten Lebenswoche und sind bis zum ersten Geburtstag langsam rückläufig. Erfolgt das Erbrechen (von max. zwei Mundvoll) ohne große Anstrengung, ist das ein weiteres Zeichen von GER. Bei gestillten Kindern ist eine Überernährung aber selten. Man sollte bei „Flaschenkindern“ auch an eine Kuhmilchallergie denken, insbesondere wenn Ekzeme und schlechte Gewichtszunahme beobachtet werden oder Atopie in der Familie vorkommt. Auch andere, ernstere Erkrankungen können zu GERD führen, z. B. Hiatushernie, neurologische Erkrankungen und genetische Aberrationen wie Down-Syndrom.
 
Alginate, H2-Blocker, PPI
 
Bei Verdacht auf GERD bei gestillten Kindern kann man probeweise für zwei Wochen eine Therapie mit Alginaten durchführen. Bei Kindern, die mit Fläschchen ernährt werden, kann der Kinderarzt zunächst das Nahrungsvolumen pro Mahlzeit um etwa 20% reduzieren und die Frequenz dafür erhöhen (um die Tagesgesamtmenge gleich zu halten). Wenn das nach zwei Wochen keine Besserung bringt, kann man es mit eingedickter Nahrung versuchen.
Haben diese Therapien keine Besserung gebracht, kann eine Anti-Reflux-Medikation mit H2-Antihistaminika (z. B. Ranitidin) oder PPI (z. B. Omeprazol) versucht werden. Die Evidenz für jegliche medikamentöse Therapie in diesen Fällen ist aber nicht besonders gut und fußt überwiegend auf Expertenmeinungen. Prokinetika wie Metoclopramid, Domperidon oder Erythromycin sollte der Hausarzt nicht ohne Rücksprache mit einem Pädiater anwenden.
 
Auf Red-Flag-Symptome achten
 
Besonders wichtig ist es, auf Red-flag-Symptome zu achten, da diese eine schwerere zugrundeliegende Krankheit anzeigen können. Zu diesen speziellen Symptomen, die einer besonderen Aufmerksamkeit und einer Überweisung zum Pädiater bedürfen, zählen:
  • Kinder mit GER besudeln mit ihrem Erbrochenen überlicherweise ihre eigenen Anziehsachen oder Gegenstände in der nächsten Umgebung. Ist das Erbrochene „schwall- oder projektilartig“, muss man an eine Pylorusstenose denken. Auch wenn die Symptome erst in der dritten oder vierten Lebenswoche auftreten, und ein normal hungriges Kind kein Gewicht zunimmt, ist eine Pylorusstenose in Erwägung zu ziehen.
  • Ist das Erbrochene grün- oder gelblich gefärbt, anstelle von weiß und wäßrig? Eine biliäre Tingierung des Erbrochenen ist verdächtig für eine intestinale Obstruktion, z. B. bei Malrotation oder Ileus bei Sepsis. Kinder mit diesen Symptomen müssen notfallmäßig einem Kinderchirurgen vorgestellt werden.
  • Tritt Erbrechen ohne zeitlichen Bezug zum Füttern auf? In solchen Fällen muss auch eine nicht-akzidentelle Verletzung bei entsprechendem sozialen Kontext in Betracht gezogen werden. Einfach gesagt: Dann sollte man auf weitere Zeichen von Vernachlässigung oder Mißbrauch achten ( z. B. kann das Erbrechen Folge von einer sekundären Erhöhung des intrakraniellen Druckes nach Schütteltrauma sein).
  • Andere Begleitsymptome wie Obstipation, Blut im Stuhl oder Durchfälle sollten an Erkrankungen wie Kuhmilch-/Laktoseintoleranz denken lassen.

Sind GERD und andere Ursachen ausgeschlossen, kommt der umfassenden Information der Eltern über die Gutartigkeit von GER eine wichtige Rolle zu. CB

Quelle:

Chanchlani N et al.: Ongoing vomiting in an infant. BMJ 2017; 357: j1802

ICD-Codes: R11
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