Medizinisches Cannabis bei chronischen Schmerzen

NATUR+PHARMAZIE 1/2021

Besserungen nach einem Jahr

Obwohl schon in einigen RCTs untersucht, bleibt die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis bei chronischen Schmerzen insgesamt umstritten. Seine subjektive schmerzlindernde Wirkung und mögliche Faktoren für ein Ansprechen wurden nun in einer großen Kohorte in Israel prospektiv untersucht.
In die Studie wurden 1.045 Erwachsene eingeschlossen (T0). Ihre Zahl nahm nach 1, 3, 6, 9 und 12 Monaten (T1 bis T12) auf zuletzt 551 ab. Sie waren 47 ± 37-60 Jahre alt, zu 57 % männlich und litten seit 6 ± 3-12 Jahren unter chronischen Nicht-Krebs-Schmerzen (mit einer Intensität von durchschnittlich 8 ± 7-9 Punkten auf der Numerischen Schmerzskala (NPS, Spanne 0–10). 46 % der Patient:innen (n = 385) wiesen eine, 54 % mehrere Schmerzätiologien auf. 657 (79 %) nahmen zu T1 Analgetika inkl. Opioide ein.
Die Patient:innen konsumierten medizinisches Cannabis meist in Form gerauchter Blüten (81 % zu T1 und 86 % zu T12), seltener als Öl. Die durchschnittliche Monatsdosis stieg von 20 g (T1) auf 30 g (T12) an (p < 0,001). Zumeist wurde THC-dominantes Cannabis verwendet (74 %), seltener Sorten mit ausgewogenem THC/CBD-Verhältnis (24 %) und am seltensten CBD-dominante Sorten (2 %). Ein Behandlungserfolg wurde bei einer Reduktion der Schmerzintensität ≥ 30 % vs. Baseline konstatiert.
 
Ergebnisse nach einem Jahr
Zu jedem Zeitpunkt hatten sich die Schmerzen gegenüber T0 gebessert. Nach einem Jahr war der durchschnittliche NPS-Score vs. Baseline um 20 % auf 6 ± 5-8 gesunken (Odds Ratio: -1,97; 95 %-KI: -2,13 bis -1,81; p < 0,001). Die geringste Schmerzstärke hatte um 33 % von 6 ± 4-8 auf 3 ± 2-6 abgenommen (OR: -1,88) und die höchste um 21 % von 9 ± 8-10 auf 8 ± 6-9 (OR: -1,36), der Gesamtscore des Short-form McGill Pain Questionnaire (SF-MPQ) war um 23 % gesunken (OR: -8,27) (je p < 0,001). Auch die zahlreichen anderen Parameter hatten sich ausnahmslos um 10 %–30 % gebessert, so depressive/Angstsymptome, schmerzbedingte Einschränkungen, Schlaf und die Lebensqualität (je p < 0,001). Der Analgetika- bzw. Opioidkonsum hatte sich maßgeblich verringert: 43 % bzw. bis zu 24 % konnten zu T12 auf sie verzichten. Zumeist leichte und im Verlauf abnehmende Nebenwirkungen zentralnervöser, gastrointestinaler und anderer Art berichteten 30 % bis 40 %. Prädiktoren eines Therapieerfolgs waren normale bis lange Schlafdauer, geringerer BMI und niedriger Depressions- Score. Entgegen der Annahme wurden neuropathische Schmerzen schlechter gelindert (OR für Nicht-Ansprechen: 1,63; p < 0,05).
Quelle: Aviram J et al.: Medical cannabis treatment for chronic pain: outcomes and prediction of response. Eur J Pain 2020 Epub 16.Okt. doi: 10.1002/ejp.1675
ICD-Codes: R52.2
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