Hartnäckiger Irrglaube

Praxis-Depesche 3/2022

Heben nur mit geradem Rücken? Bloß nicht!

Die klassische Rückenschule betet es vor: Um den Rücken zu schonen und Bandscheibenvorfälle zu vermeiden, sollte man stets nur mit geradem Rücken in die Knie gehen und heben. Wer das glaubt, liegt jedoch falsch! Bei Gesunden kann aus der gut gemeinten Angewohnheit sogar ein Problem werden.
Aus Angst, Rückenschmerzen oder gar einen Bandscheibenvorfall zu provozieren, hat sich der gerade Rücken beim Heben und Bücken fast schon zu einem festen Grundsatz im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung verankert. Und das, obwohl es keine überzeugende Evidenz für diese Behauptung gibt. Zumindest bei Personen mit chronischer Lumbalgie macht die Schonhaltung kurzfristig durchaus Sinn. Im Bemühen, den Rücken möglichst nicht zu krümmen, wird der Bewegungsradius im Lumbalbereich weniger beansprucht und Schmerzen können auf diese Weise vermieden werden.
 
Angst führt zu einseitiger Bewegung
Wer aber als rückengesunder Mensch dauerhaft diese rumpfschonende Bewegungsstrategie anwendet riskiert, dass Schmerzen im Lendenwirbelbereich überhaupt erst entstehen. Die dauerhafte Beibehaltung einer neutralen Wirbelsäule während des Hebens fördert ein starres motorisches Verhalten und ist mit einer erhöhten Muskel-Cokontraktion sowie einer erhöhten mechanischen Belastung und langfristiger Degeneration der (para)spinalen Gewebe verbunden. Auf Dauer kann das einseitige Bewegungsmuster pronozizeptive Mechanismen auslösen.
Dennoch gibt es immer noch viele Ärztinnen und Ärzte, die das „rückenschonende Heben“ empfehlen und damit bei ihren Patient: innen falsche Ängste schüren und verstärken. Dass sich die Sorge, man könne es falsch machen, tatsächlich bei vielen Gesunden im Bewegungsmuster niederschlägt, bestätigt eine Studie, bei der 57 Personen mehrere Fragebögen zu schmerzbezogenen Ängsten ausfüllten und anschließend eine 5 kg schwere Kiste anheben sollten. Der Hebevorgang wurde dabei per Motion-capture-Technologie im Detail erfasst und analysiert. Die Ergebnisse zeigten, dass je größer die Angst der Teilnehmer vor möglichen Rückenschmerzen war, die Beugewinkel der Lendenwirbelsäule beim Hebevorgang umso kleiner ausfielen.
Spezifische Hebetechniken mögen in bestimmten Situationen oder beruflichen Tätigkeiten sinnvoll sein. Das Heben mit neutraler Wirbelsäule bei jeglichen Alltagsaktivitäten wird aber stark übertrieben und sollte daher nicht mehr zur Vorbeugung von Lumbalgie empfohlen werden. OB
Quelle: Knechtle D et al.: Fear-avoidance beliefs are associated with reduced lumbar spine flexion during object lifting in painfree adults. Pain 2021; 162(6): 1621-31
ICD-Codes: M54.9
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