Häufig vermeidbare Komplikationen

NATUR+PHARMAZIE 4/2016

Immer noch 2,6 Millionen Totgeburten pro Jahr – und Deutschland auf Platz 12

2011 hatte eine Lancet-Artikelserie zum Thema Totgeburten für viel Aufsehen gesorgt. Ein internationales Expertengremium forderte damals umfangreiche Maßnahmenbündel, um die Zahl der Totgeburten weltweit zu senken. Ein Update zeigt: Noch immer ist der Handlungsbedarf groß – auch in den Industrienationen.

In der 2016 erschienenen Artikelserie sammelten mehrere Studiengruppen aktuelle Daten aus 157 Ländern. Ihr Ergebnis: Nach wie vor wird der Reduktion von Totgeburten global zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Während die Todesraten von Müttern und von Kindern bis zum fünften Lebensjahr seit 1990 halbiert wurden und weiterhin sinken, stagniert die Zahl der Totgeburten seit einigen Jahren: Weltweit sterben 2,6 Millionen Kinder jährlich vor der Geburt. Das entspricht 18,4 pro 1000 Geburten. Als Totgeburten gelten nach WHO-Definition Neugeborene ohne Lebenszeichen, die mehr als 1000 Gramm wiegen oder nach der vollendeten 28. SSW geboren werden. Dabei wird das Gestationsalter als aussagefähigstes Kriterium angesehen. In Deutschland ist dagegen das Geburtsgewicht ausschlaggebend: Hier spricht man von einer Totgeburt, wenn ein mindestens 500 Gramm schweres Kind bei der Geburt kein Lebenszeichen zeigt. WHO-Ziel erreicht, aber reicht uns das wirklich? Mitte 2014 wurde auf Initiative der WHO der „Every Newborn Action Plan“ verabschiedet. Ziel dieses Aktionsplans ist es unter anderem, die Totgeburtenrate bis zum Jahr 2030 in allen Ländern auf höchstens zwölf pro 1000 Geburten zu senken. Geschafft haben dies bislang 94 Länder. 98% aller Totgeburten ereignen sich in Ländern mit geringem oder mittlerem Einkommen, drei Viertel in Afrika südlich der Sahara und Südasien. Allein in den drei Ländern mit den meis - ten Totgeburten – Indien, Nigeria und Pakistan – starben 2015 fast 1,2 Millionen Ungeborene im dritten Trimenon. Vermeidbare Risikofaktoren Ein großer Teil aller Totgeburten wäre vermeidbar. Etwa ein Zehntel aller Fälle weltweit, so schätzen die Experten, ist die Folge von maternalem Übergewicht, Hypertonie und/oder Diabetes. Viele dieser Todesfälle könnten durch eine frühzeitige Diagnose und adäquate pränatale Versorgung verhindert werden. Auch Rauchen während der Schwangerschaft gehört zu den Risikofaktoren, die durch bessere Aufklärung der Mütter beeinflusst werden können. Insgesamt trägt Nikotin aber nur zu knapp 2% aller Totgeburten bei. 6,7% aller Totgeburten schreiben die Autoren einem höheren Alter der Mutter zu (über 35 Jahre). In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara geht jede fünfte Totgeburt auf das Konto einer Malaria-Erkrankung; 7,7% weltweit stehen in Zusammenhang mit Syphilis. HIVInfektionen werden dagegen nur für 0,7% der Totgeburten verantwortlich gemacht. Deutschland nur auf Platz 12 In einer separaten Analyse untersuchte eine Studiengruppe die Situation in 49 einkommensstarken Ländern. Zwar lag hier die Rate insgesamt mit 3,5 totgeborenen Kindern pro 1000 Entbindungen deutlich niedriger als im weltweiten Durchschnitt. Doch war die Schwankungsbreite hoch: Während in Island nur 1,3 Todesfälle (nach der 28. SSW) auf 1000 Geburten kamen, waren es in der Ukraine 8,8. Sechs Länder, darunter Finnland, Dänemark und die Niederlande, erreichten 2015 eine Quote von 2,0‰ oder niedriger. Mit einer Quote von 2,4‰ rangierte Deutschland auf Platz zwölf, hinter z. B. Kroatien, Portugal und Polen. Unabhängig von nationalen Unterschieden bei der Klassifikation zählen Plazentaprobleme mit einem Anteil von 40% zu den häufigsten Ursachen von Totgeburten. Welche Rolle andere Faktoren spielen, variiert dagegen beträchtlich. Von Bedeutung scheinen in erster Linie angeborene Fehlbildungen (6-27%), Infektionen (5-22%), spontane Frühgeburt und vorzeitiger Blasensprung (1-15%). Der Anteil ungeklärter Totgeburten ist jedoch noch immer hoch. Etwa 20 bis 30% gehen selbst in den einkommensstarken Ländern auf Versorgungsmängel zurück, schätzen die Autoren. Auffällig erscheinen auch sozioökonomische Unterschiede innerhalb der Länder: Bei Frauen mit Migrationshintergrund, niedriger Schulbildung und/oder geringem Einkommen liegt die Totgeburtenrate doppelt so hoch wie in der „privilegierteren“ Bevölkerungsschicht. Für stark verbesserungsfähig halten die Experten außerdem die Unterstützung betroffener Familien nach einer Totgeburt und die öffentliche Wahrnehmung. Stigmatisierung und Fatalismus seien nach wie vor weit verbreitet und verstärkten das Trauma des Verlusts. Von rund 3500 befragten Eltern totgeborener Kinder fühlten sich nur 31,5% angemessen betreut. Die empfohlenen Interventionen zur Reduktion von Risikofaktoren beginnen bereits vor der Konzeption. Modellrechnungen zeigen, dass eine Verringerung des durchschnittlichen präkonzeptionellen BMI um 10% das Totgeburtsrisiko ebenfalls um 10% senkt. CW

Quelle:

Frøen JF et al.: Stillbirths: progress and unfinished business. Lancet 2016; 387: 574-86; Lawn JE et al.: Stillbirths: rates, risk factors, and acceleration towards 2030. Ebd. 587-603 ; Flenady V et al.: Stillbirths: recall to action in high-income countries. Ebd. 691- 702

ICD-Codes: P95
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