Goethe-Universität Frankfurt am Main | NATUR+PHARMAZIE 2/2020

Jung, Student, durchtrainiert – und voller Schmerzen

Wenn der aktive Sport im Mittelpunkt des Berufslebens oder der Ausbildung steht, sind Schmerzen häufig ein ständiger Begleiter – wobei Schmerzen hier als Verbindung von körperlichen und psychischen Beschwerden definiert ist. Eine Studie der Goethe-Universität zeigt: Viele Sportstudierende stoßen an ihre körperlichen Grenzen, sprechen aber lieber nicht darüber.
Vielleicht offenbaren sich junge Sportler ja in der Apotheke? Interessant ist es jedenfalls, was Dr. Johannes Fleckenstein, Privatdozent an der Goethe-Universität, und sein Team herausgefunden haben; denn das Thema wird eher stiefmütterlich behandelt. Dr. Fleckenstein hat es jetzt in seine Lehrveranstaltungen aufgenommen. In diesem Zusammenhang ist eine Masterarbeit entstanden; die Verfasserin Anke Bumann widmet sich darin vor allem der Situation von Sportstudentinnen und -studenten. Bumann hat ihre Fragebögen an die Studierenden von 89 sportwissenschaftlichen Instituten im deutschsprachigen Raum gesendet, der Rücklauf war beachtlich: 865 haben teilgenommen, 664 den vollständigen Bogen ausgefüllt, zum Teil sogar mit sehr ausführlichen frei formulierten Antworten. Die Studie zeigt deutlich: Jeder vierte der vermeintlich gesunden jungen Menschen leidet unter Schmerzen und zeigt das Auftreten sogenannter bio-psycho-sozialer Faktoren, die Schmerzen begünstigen können, vor allem Stress infolge hohen Leistungsdrucks. Mehr als die Hälfte der Befragten empfindet Schmerzen in zwei und mehr Körperregionen – obwohl die meisten eine relativ große Schmerztoleranz angeben. Verglichen mit Altersgenossen haben Sportstudenten häufiger Depressionen, Angstzustände und Stress, während Rücksichtnahme auf sich selbst deutlich reduziert ist. Die Studierenden trainieren im Durchschnitt fünf bis sieben Stunden wöchentlich und konsumieren mehr Schmerzmittel (Analgetika) und Alkohol. Mehr als 60 % geben an, unter Schlafstörungen zu leiden. Der Befund ist für alle Sportarten gleich, lediglich die Lokalisierung der Schmerzen ist eine andere. Die fehlende Rücksichtnahme gegenüber dem eigenen Körper und seinen Beschränkungen führe jedoch zu einer Chronifizierung dieses Zustands, der immer schwieriger zu verändern sei.
Dass die Not groß ist, zeige sich bei den qualitativen Antworten: Häufig wurde Freude darüber geäußert, dass nun ein Augenmerk auf die Thematik falle und man Gelegenheit habe, seine Probleme zu kommunizieren.
„Wir müssen endlich aufhören, das Thema Schmerzen im Sport zu bagatellisieren“, fordert Fleckenstein. Es sei bedenklich, dass Schmerzerkrankungen bereits bei jungen und körperlich aktiven Studierenden in dieser Anzahl auftreten. Mit wachsender Professionalisierung, so die These der Autoren, steige die Zahl der Betroffenen noch weiter an: „Es wird enorm viel Leistung verlangt, und es geht um viel Geld“, so der Sportmediziner. Deshalb werde die Studie nun mit professionellen Athleten fortgesetzt.“
In der Beratung in der Apotheke kann man bei jungen Sportlern also besonderen Wert auf mögliche Schmerzsymptomatiken und psychosomatische Beschwerden legen.
Quelle: Anke Bumann et al.: Prevalence of biopsychosocial factors of pain in 865 sports students of the dach (Germany, Austria, Switzerland) region – a cross-sectional survey. 2020. Journal of Sports Science and Medicine, Volume:(19), Pages:323–336

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