Neurologie

NATUR+PHARMAZIE 3/2020

Macht Migräne vergesslich?

Migräne gehört zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Aufgrund der stark ausgeprägten vaskulären Komponente bei Migräne wurden in der Vergangenheit immer wieder Zusammenhänge zwischen Migräne-Erkrankungen und einem erhöhten Risiko für ischämische Schlaganfälle und kognitive Veränderungen diskutiert. Migräne gilt daher schon als Risikofaktor für Veränderungen der Gehirnsubstanz, die generell mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Demenz assoziiert sind. Bisher gab es jedoch keine Hinweise auf einen direkten Zusammenhang zwischen Migräne und Demenz.
Das Ziel einer aktuell im Fachmagazin Headache erschienenen Studie war es daher, einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Vorliegen einer Migräne und der Entwicklung einer Demenz zu untersuchen. Zudem wollten die amerikanischen Forscher herausfinden, ob das Geschlecht einen Einfluss hat. Können Kopfschmerzen unser Gehirn tatsächlich so stark schädigen?
Um den möglichen Zusammenhang zwischen einer positiven Migräne-Anamnese und einer später auftretenden Demenz untersuchen zu können, wurden die Daten der prospektiven amerikanischen Kohortenstudie ARIC (= Atherosclerosis Risk in Communities) verwendet. Insgesamt wurden 12.495 Patienten (51–70 Jahre) mit einer mittleren Nachverfolgungszeit von 21 Jahren in die Studie eingeschlossen. Ausschlusskriterien waren neben fehlenden Daten (z. B. keine Migräne- Anamnese, verpasste Untersuchungstermine) auch ein Schlaganfall oder eine bereits bestehende Demenz. Der Migräne-Status der Patienten wurde durch einen selbst auszufüllenden Fragebogen (adaptiertes International- Headache-Society-Diagnosetool) erhoben. Eine neu diagnostizierte Demenz wurde anhand von kognitiven und neuropsychologischen Tests sowie einer klinischen Beurteilung festgestellt. Die kumulative Inzidenz von Demenz lag bei 18,5 % bei Patienten ohne Migräne in der Anamnese (1.821/9.955), bei 15,8 % bei Patienten mit starken nicht migräneassoziierten Kopfschmerzen (196/1.243) und 16,7 % bei Patienten mit Migräne (233/1397). Patienten mit Migräne-Symptomen waren in der Regel jünger (mittleres Alter: 58,3 Jahre), weiß, weiblich (77,9 %) und hatten ein höheres HDL sowie Gesamtcholesterin im Vergleich zu Patienten ohne Migräne oder Nichtmigräne-Kopfschmerzen. Außerdem hatten Migräne-Patienten im Vergleich weniger Komorbiditäten wie Bluthochdruck und Diabetes. Es konnte im Endeffekt jedoch kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Migräne und Demenz festgestellt werden (Hazardratio = 1,04). Bei einer Unterteilung der Migräne in mit und ohne Aura ergab sich ein leicht erhöhtes Risiko für Patienten mit Aura (Hazardratio = 1,12), das jedoch weiterhin nicht statistisch signifikant war. Auch für Patienten mit nicht migräneassoziierten Kopfschmerzen ergab sich kein erhöhtes Risiko (Hazardratio = 1,00). Das Geschlecht hat ebenfalls den Ergebnissen nach keinen Einfluss auf das Demenzrisiko von Migräne-Patienten.
Erfreulicherweise haben Migräne-Patienten damit kein erhöhtes Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Und auch wenn Frauen eine deutlich höhere Migräne-Prävalenz haben (Frauen = 18,2 %, Männer = 6,4 %), haben sie kein höheres Risiko für die Entwicklung einer Demenz. Auch wenn es also bei Migräne-Patienten nachweislich Veränderungen im Gehirn gibt, konnte in dieser Studie keine Assoziation von Migräne und späterer Demenz festgestellt werden.
Quelle: George KM et al.: Migraine headache and risk of dementia in the atherosclerosis risk in communities neurocognitive study. 2020. Headache. 2020; 60(5): 946-953. doi: 10.1111/head.13794
ICD-Codes: G43.9
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