Multidisziplinäre, internationale Forschungsarbeit

Naturmedizin 1/2022

Mit Psilocybin gegen Alkoholismus?

Alkoholabhängigkeit ist eine der häufigsten neuropsychiatrischen Erkrankungen. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen das bislang unbekannte Potenzial von Psilocybin, molekulare Schaltkreise im Gehirn wiederherzustellen und damit zu einer Verringerung von Rückfällen bei Alkoholabhängigkeit beizutragen. Neue Therapieansätze könnten dadurch entstehen.
Allein in Deutschland gibt es mehr als 5 Millionen Alkoholabhängige. Die Folgen sind häufig schwere körperliche und psychische Leiden und eine hohe Mortalitätsrate. So ist die mittlere Lebenserwartung von Betroffenen um mehr als 22 Jahre verringert. Trotz der Schwere der Erkrankung, deren chronischer Verlauf durch häufig wiederkehrende Rückfälle in übermäßigen Alkoholkonsum und großen Leidensdruck charakterisiert ist, wissen wir bisher wenig über die ursächlichen Mechanismen im Gehirn.
Geistige Prozesse, die das Verhalten, die Aufmerksamkeit und die Gefühle steuern, werden in der Neurowissenschaft als exekutive Funktionen bezeichnet. Bei vielen psychiatrischen Erkrankungen ist die Fähigkeit, das eigene Denken und Handeln zu steuern sowie die Emotionen zu regulieren, gestört, beispielsweise bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Autismus, Schizophrenie, Borderline-Syndrom und eben auch bei Suchterkrankungen.
 
Methode und Ergebnisse
In einer multidisziplinären, internationalen Zusammenarbeit unter der Leitung von Dr. Marcus Meinhardt, Prof. Dr. Rainer Spanagel und Prof. Dr. Wolfgang Sommer (alle am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim), sind die molekularen Ursachen von veränderter Selbstregulation und erhöhter Rückfälle bei Alkoholabhängigkeit untersucht worden. Dabei konzentrieren sich die Forschungsarbeiten auf die Rolle des metabotropen Glutamatrezeptors 2 (mGluR2). Dieser fungiert im Gehirn als biochemische Empfangsantenne für den Signalstoff Glutamat und reguliert dessen Ausschüttung in verschiedenen Hirnarealen. In seiner aktuellen Arbeit, die nun in der Zeitschrift Science Advances erschienen ist, zeigt das Forschendenteam einen kausalen Zusammenhang zwischen einer verminderten mGluR2-Funktion innerhalb der Hirnregion des präfrontalen Kortex bei alkoholabhängigen Nagern und einer beeinträchtigten exekutiven Kontrolle sowie dem Verlangen nach Alkohol. Die mGluR2-Aktivierung ist dadurch als potenzieller therapeutischer Mechanismus bei Alkoholabhängigkeit identifiziert worden.
 
Psilocybin
Halluzinogene Substanzen wie Psilocybin – der Wirkstoff aus den sogenannten Zauberpilzen – oder LSD wirken durch die Stimulierung von Serotonin-2ARezeptoren (5-HT2AR) im Gehirn. Diese Rezeptoren sind in einer Vielzahl im präfrontalen Kortex vertreten. Frühere Forschungen haben gezeigt, dass sich 5-HT2AR und mGluR2 zu einem funktionellen Komplex zusammenschließen können. Dieser Komplex wurde mit dem Wirkmechanismus von Psychedelika in Verbindung gebracht, jedoch waren die molekularen Funktionen dieses Komplexes bisher unbekannt. „Wir konnten zeigen, dass Psilocybin in der Lage ist, die mGluR2-Spiegel zu erhöhen und zu einer Verringerung von Rückfällen zum Alkoholkonsum führt“, sagt Marcus Meinhardt. Somit eröffnet diese Forschungsarbeit die Möglichkeit, neue therapeutische Ansätze zu entwickeln, die sich auf Psilocybin als Antreiber des mGluR2 konzentriert.
Highlight
Die Studie konnte zeigen, dass Psilocybin in der Lage ist, die mGluR2-Spiegel zu erhöhen und zu einer Verringerung von Rückfällen in den Alkoholkonsum führt!
Quelle:

Pressemitteilung: Torsten Lauer, Referat Kommunikation und Medien, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit.

Meinhardt MW et al.: Psilocybin targets a common molecular mechanism for cognitive impairment and increased craving in alcoholism. Sci Adv. 2021 Nov 19; 7(47). DOI: 10.1126/sciadv.abh2399. Epub 2021 Nov 17.

ICD-Codes: F10.2
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