Psychologie

NATUR+PHARMAZIE 4/2021

Naturheilkunde für die Seele

Körper, Geist und Seele sind eine Einheit. Behandelt man sie getrennt, ist keine ganzheitliche Heilung möglich. Leidet die Seele, wiegen Schmerz, Angst und Erschöpfung an einem Punkt des Lebensweges zu schwer, gibt es naturheilkundliche Hilfe.
Antidepressiva fürs Volk? Die stark gestiegenen Verschreibungen für Antidepressiva in den Jahren 2010 bis 2019 sprechen eine eindeutige Sprache. 1,174 Milliarden Tagesdosen Antidepressiva wurden 2010 in Deutschland verordnet, 2019 waren es 1,609 Milliarden, das ist ein Plus von 37 % (Quelle: Arzneiverordnungsreport 2020). Im Jahr 2021 wird es sicher keinen Rückgang geben. Fachverbände und Krankenkassen verzeichnen in Pandemie- Zeiten eine Zunahme von depressiven Symptomen (Deutschlandfunkkultur 22.07.2021). Antidepressiva sind eine wichtige Therapiesäule für manifest Depressions-Erkrankte - neben Psychotherapie und weiteren Maßnahmen. Doch Antidepressiva wie Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer können teils erhebliche Nebenwirkungen und starke Entzugserscheinungen auslösen, andererseits zeigen Studien (u. a.: Kirsch I et al. 2008: https://pubmed.ncbi.nlm.nih. gov/18303940), dass der Placeboeffekt häufig unterschätzt wird. Welche Möglichkeiten gibt es, Menschen mit Stimmungsschwankungen, Ängsten, Schlafstörungen und leichteren depressiven Verstimmungen zu helfen, bevor Antidepressiva eingesetzt werden müssen?
 
Phytotherapie
Bei leichter bis mittelschwerer Depression haben Phytotherapeutika einen etablierten Stellenwert. Eine nachgewiesene Wirksamkeit haben u. a. Joanniskraut (Hypericum perforatum), und Rosenwurz (Rhodiola rosea). Am besten werden standardisierte Mengen in Fertigarzneimitteln eingesetzt. Johanniskraut hat sich besonders bei Erschöpfungsdepressionen und somatoformen Störungen bewährt, die Wirkung setzt nach 1–2 Wochen ein. Die Dosierung beträgt 900– 1.800 mg am Tag. Erhältliche Johanniskrautpräparate (teilweise Kombinationspräparate) sind u. a.: Sedariston®, Laif® 900 mg Jarsin 450 mg®, Neuroplant AKTIV®, Neurapas Balance® und Renovare®500.
Bei Johanniskraut sind Interaktionen mit folgenden Arzneimitteln zu beachten: Immunsuppressiva (Ciclosporin u. a.), Proteaseinhibitoren, Pille und synthetische Antidepressiva.
Der Rosenwurz wird auch als Adaptogen bezeichnet. In Studien konnte eine Wirksamkeit bei Patient:innen mit mittelschwerer Depression nachgewiesen werden. Dosierungsempfehlung: bis zu 600 mg/Tag. Fertigarzneien mit Rosenwurz sind u. a. rhodioLoges ®, Rhodiola-Intercell® und Rosenwurz 400 mg Gall Pharma.
Bei Nervosität, Angstzuständen und Schlafstörungen werden neben Johanniskraut auch Baldrian, Hopfen, Lavendel, Melisse, Passionsblume und Kava Kava eingesetzt. Die Inhaltsstoffe der Baldrianwurzel wirken über das GABAerge System reizabschirmend, beruhigend und am Abend schlaffördernd. Tagsüber kann man die Wirkung des Baldrians einsetzen: gegen beängstigende Gedanken, gegen Flash-backs sowie zur Vorbeugung gegen Panikattacken (vgl.: Roman Huber: Mind-Maps Phytotherapie, Thieme 2. Auflage 2019). Die Wirkung beginnt nach ca. 30 Minuten und hält etwa 3–5 Stunden. Eine ausreichende Einzeldosierung mit über 500 mg ist entscheidend für den Therapieerfolg. Erwachsene erhalten maximal 3.000 mg/Tag, Kinder ab 6 Jahren 1.000 mg/Tag. Präparate mit Baldrian sind u. a.: Euvegal Balance®, Baldrian-Ratiopharm®, Calmalaif®, Baldriparan® und Sedacur forte®.
Lavendel kann als ätherisches Öl gut bei Kindern und alten Menschen gegen Schlafstörungen eingesetzt werden. In verkapselter Form wirkt es gegen Nervosität, Unruhe, Angststörungen und Einschlafstörungen. Lavendel ist u. a. enthalten in Lasea®, Neuro Balance Ashwagandha Kapseln®. Für äußere Anwendungen empfiehlt sich ätherisches Öl, z. B. Wala® Lavandula Oleum aetherum 10 % für Bäder. Die Inhaltsstoffe der Passionsblume wirken spannungs-und angstlösend, schlaffördernd und beruhigend (z. B. PassioBalance ®, Lioran® die Passionsblume, Pascoflair®)
Eine Sonderstelllung nehmen Cannabishaltige Medikamente und Cannbidiol- Präparate (CBD) ein. Es wurde festgestellt, dass Cannabinoide eine angstlösende Wirkung haben und beim Verarbeiten von traumatischen Erinnerungen helfen können. Nach ärztlicher Verschreibung können bei Angststörungen und Posttraumatischen Belastungsstörungen Cannabis-Fertigarzneien und Blütenextrakte oder Cannabisblüten eingesetzt werden. CBD-Arzneien gibt es in vielen verschiedenen Formen und sind nicht verschreibungspflichtig, wenn sie die Grenzwerte für THC (<0,2 %) einhalten. CBD verursacht keine cannabistypischen psychischen Wirkungen.
 
Schlafstörungen
Baldrian, Hopfen, Lavendel, Melisse, Passionsblume und Kalifornischer Mohn sind die klassischen Phytotherapeutika bei Schlafstörungen. Die Dosierung von Baldrian bestimmt die Wirkung. Täglich unter 200 mg wirken anregend, die Einnahme von 600–900 mg wirkt beruhigend. Eine Einnahme am Abend fördert die Schlafbereitschaft, verkürzt die Einschlafzeit und verbessert die Schlafqualität. Wird Baldrian tagsüber genommen, wirkt es ausgleichend, beruhigend und hilft bei der Stressbewältigung. Baldrianpräparate gibt es als Monopräparate, z. B. Klosterfrau Baldrian Forte 600®, oder in Kombinationspräparaten, z. B. mit Melisse und Passionsblumenkraut in Valeriana®Hevert, in Kombination mit Hopfen in Einschlaf-Kapseln® Salus, mit Hopfen und Passionsblume in Kytta-Sedativum® oder mit Passionsblume, Weißdorn und Schwarznessel in Calmalaif®. Baldrian, Hafer und Passionsblume gibt es auch in homöopathischen Zubereitungen, z. B. in DormiLoges Schlaftropfen Dr. Loges, oder anthroposophische Mischungen wie Calmedoron® Weleda, u. a. mit Hafer und Passionsblume.
 
Orthomolekulare Medizin
Erschöpfung und Burn-out-Syndrom
Magnesium wird auch als Anti-Stress-Mineral bezeichnet. Auch wenn die Versorgungssituation in Deutschland an sich gut ist, sind fast ein Drittel der Frauen und Männer und sogar fast die Hälfte der Jugendlichen unterversorgt. Ein erhöhter Magnesiumbedarf ist bei außergewöhnlichen Belastungen wie Stress, Sport, Schwangerschaft und Stillzeit gegeben. Die Resorption von Magnesium sinkt bei Laxanzienabusus, Zöliakie oder chronischen Darmerkrankungen (M. Crohn, C. ulcerosa).
Die renale Ausscheidung von Magnesium ist bei Alkoholmissbrauch sowie bei Einnahme von Diuretika, Immunsuppressiva oder Herzglykosiden gesteigert. Ein Magnesiummangel zeigt sich im Bereich des ZNS und der Muskulatur in nervösen Störungen wie Zittern, Kribbeln, Taubheitsgefühl, Unruhe, Schwindel oder Neigung zu Muskelkrämpfen. Des Weiteren kann ein Mangel zu Übelkeit, Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen oder Tachykardie, Obstipation und zu vorzeitigen Wehen führen. In Studien zeigte sich, dass Personen, die dauerhaftem Stress ausgesetzt sind, vergleichsweise niedrige Magnesiumserumspiegel aufweisen. (vgl. Naturmed Depesche 3/2020, S. 26). Magnesium ist also einer der ersten und wichtigsten Stoffe, mit denen erschöpfte, gestresste und schlecht gelaunte Patient:innen versorgt werden sollten. Es gibt verschiedene Präparate als Tabletten, Kapseln oder Pulver (z. B. Magnesium Verla®, pure encapsulations Magnesium®, Magnesium Diasporal® 400 Extra direkt, Magnesium Köhler®).
Ein Mangel an Kalium löst Erschöpfung, Muskelschwäche und Apathie aus. Eine Untersuchung des Vollblutes, nicht nur des Serums, ist bei Magnesium sowie Kalium aussagekräftiger, weil beide Stoffe vorwiegend intrazellulär vorliegen. Bei Mangel sollte dringend substituiert werden (z. B. Kalium Verla®, Pure Encapsulations Kalium). Eine gleichzeitige Gabe von Kalium und Magnesium ist sinnvoll. An Omega-3-Fettsäuren denkt man bei Erschöpfung wohl eher selten. Dabei ist eine Gabe durchaus erfolgsversprechend: 2–3 g/Tag modulieren das vegetative Nervensystem, erhöhen die Resilienz und können den Schlaf verbessern (z. B. Omega-3-Fettsäuren 500 mg/60 % Kapseln Dr. Wolz®, 2.000 mg Omega-3 pro Tagesdosierung Norsan Omega-3 Total flüssig/vegan, Bio Marin Plus® Pharma Nord, Salus® Omega-3 Kompakt).
Bei Burn-out-Betroffenen sind häufig niedrige Q-10-Spiegel im Serum zu beobachten. Kein Wunder: Das Coenzym-Q10 ist essenziell für die Bildung von Adenosintriphosphat (ATP), welches für die Energiebereitstellung des Organismus zuständig ist. Der Mensch produziert am Tag ca. 70 kg ATP, also ungefähr die Masse des Körpergewichts. Dieses ATP wird aber gleich wieder verbraucht. Bei (seelischer) Erschöpfung kann eine Coenzym Q10-Substitution also die ATP-Produktion unterstützen und neuen Schwung verleihen (z. B. Q10 Bio-Qinon® Gold Pharma Nord). Vitamin D ist für die Mitochondrien, die Zellkraftwerke, ebenfalls sehr wichtig (s.u.). Immer noch zu häufig übersehen wird ein Eisenmangel. Im Blutbild sollte auf den Ferritinspiegel geachtet werden, welcher mindestens über 50 ng/ml liegen sollte, besser bei über 100 ng/ml. Mittlerweile gibt es sehr gut verträgliche Eisenpräparate, z. B. Floradix Salus®, ferro sanol®, Eisen Verla® plus). Auch eine Unterfunktion der Schilddrüse kann die Psyche negativ beeinflussen. Ein möglicher Mangel an Jod sollte ausgeschlossen und ggf. behoben werden.
Unter den Aminosäuren ist Taurin ein Kandidat, der das Energielevel verbessern kann. 500–1.000 mg/Tag sind hier empfehlenswert (z. B. Aminoplus Taurin® Kapseln Kyberg vital, Taurin Pure Encapsulations®, Taurin 500 mg GPH Kapseln Hecht Pharma).
 
Übersicht über Nährstoffe und Vitamine aus der Naturheilkunde, die bei Depressionen helfen können
Depressive Verstimmungen
Für den therapeutischen Bereich sollte der Vitamin-D-Spiegel zwischen 100 und 150 nmol liegen. Hierfür sind höhere Tagesdosen von 2.000–8.000 I.E. erforderlich. Andere Autor:innen empfehlen bei Depressionen 3.000–6.000 I.E./Tag. Wichtig bei Patient:innen mit Depressionen: Inhaltsstoffe des Johanniskraut (Hyperforin) können den Pregnan-X-Rezeptor aktivieren und hierüber den Vitamin-D-Abbau fördern. Auch selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (z. B. Fluoxetin) können einen Vitamin-D-Mangel hervorrufen (vgl.: Uwe Gröber: Vitamin D. Die Heilkraft des Sonnenvitamins. 4, Auflage 2020, WBG, S. 422).
Vitamin B1 (Thiamin) ist indiziert, wenn zur depressiven Verstimmung noch Angstund Aggressionssymptome und/oder Konzentrationsschwäche hinzukommen. Dosierung: 50–100 mg/Tag. Für Vitamin B3 (Niacin) beträgt die empfohlene Tagesdosis 200 mg. Vitamin B6 (Pyridoxin) regt in Verbindung mit Magnesium die Bildung der beruhigenden Gamma-Amino- Buttersäure an und kann auch bei Schlaflosigkeit hilfreich sein. Vitamin B12 (Cobalamin) und Folsäure sind vor allem bei Depressionen in Verbindung mit Apathie, Leistungsminderung, Persönlichkeitsveränderungen wie Erregung und Verwirrung, Unruhe und Konzentrationsstörungen indiziert. Ein ernährungsbedingter Folsäuremangel kommt relativ häufig vor. Dosierung: Vitamin B12: 10 μg/Tag. Folsäure: 1–5 mg/Tag. Empfehlenswert sind bei Vitamin B Kombinationspräparate, die alle B-Vitamine enthalten, z. B. Vitamin B Komplex Forte® Hevert, Vitamin B Komplex Kapseln Salus®, vitamin-B-Loges ® komplett, Vitapas® B complex Pascoe, Vitamin B-Komplex® Ratiopharm. L-Tryptophan ist an der Bildung des Glückshormons Serotonin beteiligt und auch für das Schlafhormon Melatonin essenziell wichtig. Die Aminosäure ist u. a. enthalten in Neuro L-Tryptophan Synomed®, L-Tryptophan 500 mg Kapseln Zein Pharma®, GuteLaune® NeurolabVital)
Der Einsatz von Komplexpräparaten kann je nach Symptomen sinnvoll sein, weil sich die Substanzen gegenseitig unterstützen. Beispiele sind hier: Orthomol mental® (Panthotensäure, DHA, Vitamin B1, B2, B6, B12, Biotin, Niacin, Vitamin C, Magnesium, Zink), Trivital® mental Hennig (chinesische Vitalpilze, Pflanzenextrakte, Vitamine, Mineralstoffe).
In homöopathischen Komplexpräparaten werden die ausgewählten Arzneien in homöopathischer Aufbereitungsweise kombiniert, z. B. Passionsblume, Hafer, Kaffeesamen, Zincum isovalerianicum in Neurexan® Heel oder Cimifuga, Cocculus, Ignatia uvm. in Calmvalera® Tropfen Hevert. Anthroposophische Arzneien, die bei depressiven Verstimmungen zum Einsatz kommen, sind z. B. Passiflora Nerventonikum® Wala bei vitaler oder nervöser Schwäche mit Schlafstörungen, Unruhe- und Erregungszuständen, Aurum/Apis regina comp.®Globuli velati Wala, besonders bei nervöser Erschöpfung und Stimmungsschwankungen, in den Wechseljahren. Neurodoron (Weleda) bedeutet übersetzt „Geschenk an das Nervensystem“ und wird zur Harmonisierung und Stabilisierung bei nervöser Erschöpfung, depressiver Verstimmung, Rekonvaleszenz und auch Kopfschmerzen eingesetzt. Die Einnahme sollte über einen längeren Zeitraum (ca. 3 Monate) erfolgen. Die Metalle spielen in der Anthroposophischen Medizin eine wichtige Rolle in der Basistherapie. Eisen (Ferrum) und Kupfer (Cuprum) sind der Seelen-Organisation zugeordnet. Ein bekanntes Mittel ist z. B. Ferrum sidereum® D20 Weleda.
Schlafstörungen
Neben Magnesium, Vitmain B6 und Omega- 3-Fettsäuren (siehe Tabelle ) kann Melatonin, ca. 3–10 mg vor dem Schlafengehen, eingesetzt werden, z. B. in Dr. Wolz Einschlafspray ® in Kombination mit Passionsblume, Cefanight® vegan& pur, Melatonin® 1 mg Zein Pharma, Melatonin-B12® Dr. Jacobs, Calmnight® Hevert Melatoninspray, Dr. Theiss Melatonin Einschlaf-Spray® NEM oder Neuro Sleep Melatonin 2-Phasen Tabletten®Salus.
Info
Teemischung bei Angst und Nervosität
- Zitronenmelisseblätter 40.0
- Johanniskraut 40.0
- Lavendelblüten 20.0 ad 100.0
M.f. spec. D.S. 1 TL auf 150 ml kochendes Wasser, 8–10 min ziehen lassen, 2-3 Tassen / Tag
 
Teemischung bei leichter Depression
- Wermutkraut
- Rosmarinblätter
- Passionsblumenkraut ana ad 100.0 M.f.spec. D.S. 1 TL auf 150 ml kochendes Wasser, 7 min ziehen lassen, 2 Tassen / Tag
 
(aus Roman Huber: Mind-Maps Phytotherapie, Thieme Verlag 2019)
Urheberrecht: © Maridav - stock.adobe.com
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