Planetary Health Diet

NATUR+PHARMAZIE 2/2020

Planetary Health Diet

Genau die Ernährungsweise, die gesund für den Einzelnen ist, ist auch gesund für den Planeten – diese wissenschaftliche Erkenntnis liegt der Entwicklung der „Planetary Health Diet“ zugrunde. Wie sieht sie ganz konkret aus, und wie kann sie umgesetzt werden? Dies ist der zweite Beitrag der ganzjährigen Serie zur Planetaren Gesundheit.
Über acht Milliarden Menschen werden 2025 voraussichtlich auf der Erde leben und essen. Und die Ernährungsgewohnheiten ändern sich – aber in die falsche Richtung: Wo bisher wenig klimabelastende Fleisch- und Milchprodukte konsumiert wurden, steigt der Verzehr. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden 2050 weltweit doppelt so viele klimabelastende Nahrungsmittel konsumiert. Ein Deutscher isst im Durchschnitt jährlich 500 Kilogramm Lebensmittel und verursacht dadurch Treibhausgase, die der Emission von zwei Tonnen Kohlendioxid entsprechen. Dies entspricht dem, was ein Auto durchschnittlich in der Zeit ausstößt. Die eine Hälfte des CO2 entsteht bei der Produktion der Lebensmittel, die andere beim Einkaufen, Lagern und Zubereiten. Die genauen Werte hängen von vielen beeinflussenden Faktoren ab: wie stark das Lebensmittel verarbeitet ist, wie und wo es hergestellt wird und auch wie viele vermeidbare Abfälle entstehen. (BLE 2019) Die Ernährungsweisen, die sich auf der Welt in den letzten 50 Jahren etabliert haben, sind ernährungsphysiologisch nicht optimal, tragen wesentlich zur Klimakrise bei und beschleunigen den Abbau der natürlichen Biodiversität. Die „Global Burden of Disease Study“ zeigt auf, dass die vorherrschende Ernährungsweise ein Hauptverursacher von Mangelernährung, Fettleibigkeit und Übergewicht ist; die Belastungen durch nicht übertragbare Krankheiten nehmen zu (Lucas & Horton 2019).
 
Ernährung innerhalb planetarer Grenzen
Gerten et al. (2020) untersuchten in einer groß angelegten Studie unter der Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung Lösungsansätze, wie man zehn Milliarden Menschen ernähren und trotzdem innerhalb der Belastungsgrenzen unseres Planeten bleiben kann (Biosphärenintegrität, Landsystemänderung, Süßwassernutzung, Stickstoffflüsse): Wenn die planetaren Grenzen streng eingehalten würden, könnte das gegenwärtige Nahrungsmittelsystem eine ausgewogene Ernährung (2.355 kcal pro Kopf und Tag) nur für 3,4 Milliarden Menschen bereitstellen. Aber es ist möglich, auch zehn Milliarden zu ernähren! Dies erfordert einen Wandel hin zu nachhaltigeren Produktions- und Konsummustern: Wichtige Voraussetzungen sind räumlich umverteilte Anbauflächen, ein verbessertes Wasser-Nährstoff- Management, die Reduzierung von Lebensmittelabfällen und Ernährungsumstellungen.
Die norwegische Ärztin Gunhild A. Stordalen hat die Non-Profit-Organisation EAT gegründet, die mit der führenden Fachzeitschrift Lancet kooperiert. EAT hat das Ziel, fünf Transformationen bis 2050 zu erreichen
1. die Welt auf eine gesunde, schmackhafte und nachhaltige Ernährung umstellen
2. Ernährungsprioritäten für Menschen und Planeten neu ausrichten
3. erhöhte Produktion von dem richtigen Essen, niedrigere Produktion vom weniger guten
4. Schutz unseres Landes und der Ozeane 5. Lebensmittelverluste und -verschwendung radikal reduzieren
Die Tabelle 1 gibt Näherungswerte für den CO2-Abdruck von Lebensmitteln an. Die Berechnung ist natürlich nicht einfach, und die Werte können stark variieren: Zum Beispiel beim Gemüse haben Anbauregion, Saison, Anbauverfahren, Wetter- und Niederschlagsschwankungen, Ernteerträge usw. einen großen Einfluss. Das Bundeszentrum für Ernährung hat zehn Tipps zu einer Ernährung zusammengestellt, die dem Klimaschutz dient (BLE 2019):
 

 

 
Zehn Klimatipps des Bundeszentrums für Ernährung
1. mehr Gemüse und Obst, weniger Fleisch und tierische Lebensmittel
2. saisonal essen
3. keine Lebensmittel in den Müll
4. einkaufen zu Fuß oder mit dem Rad
5. so wenig Verpackung wie möglich
6. klimafreundliche Küchengeräte nutzen
7. regional, lokal und transparent einkaufen
8. biologisch erzeugte Produkte bevorzugen
9. den Wasserverbrauch bei Auswahl und Verarbeitung beachten
10. Produkte aus fairem Handel bevorzugen
 
Viel Gemüse
Tenor der in Tabelle 2 aufgeschlüsselten „planetaren Diät“ ist: viel Gemüse, viel Nüsse, wenig Fleisch. Der Plan eignet sich für Menschen ab zwei Jahren, ist für jüngere Kinder aber nicht geeignet. Die Autoren haben versucht, mit ihrem Plan auf die Ernährungsgewohnheiten und Lebensmittelverfügbarkeiten verschiedener Kulturen und Regionen Rücksicht zu nehmen. Deshalb findet man hinter jeder Empfehlung in Klammern einen Toleranzbereich; dieser zeigt, wie viel man von den Lebensmitteln mindestens und höchstens essen soll.
Kritiker wenden ein, dass die Empfehlungen sehr stark von den aktuellen Ernährungsgewohnheiten der Menschen abweichen. So müsste der Verzehr von rotem Fleisch und Zucker weltweit um die Hälfte reduziert werden. Deutsche dürften nur noch einen Bruchteil dessen an Fleischprodukten essen, was momentan üblich ist.
 

 

 
Best-Practice-Beispiele
2020 ist das Jahr, in dem das Bundesgesundheitsministerium eine neue Abteilung einrichtet: Gesundheitsschutz, Klima und Nachhaltigkeit. Es wird auf vielen Ebenen immer klarer, dass diese Themen nur noch zusammen gedacht werden können. So hat auch die Weltorganisation der Haus- und Familienärzt*innen (WONCA) einen Aufruf zum Handeln für die „Planetare Gesundheit“ veröffentlicht (WONCA 2019).
Die BKK ProVita ist die erste klimaneutrale Krankenkasse. Sie positioniert sich eindeutig pro pflanzenbetonte Ernährung und bietet ihren Mitgliedern Unterstützung bei der Ernährungsumstellung. Fachliche Unterstützung bekommen sie von hochrangigen Experten wie dem bekannten Naturheilkundler Prof. Andreas Michalsen, der im wissenschaftlichen Beirat der BKK mitarbeitet. Anfang 2020 hat die Kasse einen Ernährungswegweiser für Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen veröffentlicht (BKK 2020). Er zeigt ganz konkret auf, wie eine Umstellung auf eine pflanzenbasierte Ernährung gelingen kann, stellt die Win-win-Situation für Haus, Patient und Klima dar und gibt konkrete Einblicke von bereits vorhandener guter Praxis, also Häusern, denen die Umstellung bereits gelungen ist. Mit der Aktion Pflanzen-Power fördert die BKK ProVita die pflanzenbasierte Ernährung in Schulen; dies Engagement wurde mit dem UNAward Momentum for Change 2018 in der Kategorie Planetary Health ausgezeichnet. Der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Dr. Ralph Krolewski lebt als Mensch und Arzt die Idee der Planetaren Gesundheit vor. In seiner Praxis lässt er in sogenannten Klimasprechstunden auch eine Ernährungsberatung einfließen. Inzwischen gibt es hier viele Hilfsmittel, die die Information der Patienten effektiv unterstützen (Kasten).
 
Infos und Materialien
Anschaulicher Rechner, mit dem für Mahlzeiten der CO2-„Food-Abdruck“ errechnet und mit Größen wie dem CO2- Ausstoß beim Autofahren verglichen werden kann:
 
Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Mein Essen – unser Klima. Einfache Tipps zum Klimaschutz. 2019.
 
Der Hausärzteverband Oberbergischer Kreis zum Thema Planetare Gesundheit, Klimakrise und Engagement der internationalen Ärzteschaft:
Zitat
„Für die Umstellung auf gesunde Ernährungsweisen bis 2050 werden erhebliche Veränderungen erforderlich sein. Der weltweite Verbrauch von Obst, Gemüse, Nüssen und Hülsenfrüchten wird sich verdoppeln müssen, und der Verbrauch von Lebensmitteln wie rotem Fleisch und Zucker muss um mehr als 50 Prozent reduziert werden. Eine Ernährungsweise mit mehr pflanzlichen Lebensmitteln und weniger Produkten tierischer Herkunft, verhilft sowohl zu einer verbesserten Gesundheit als auch zu Vorteilen für die Umwelt.“ Prof. Walter Willett MD (EATLancet Commission 2019)
Quelle: Frank Aschoff ist Fachjournalist (DJK) und auf Wissenschafts- / Medizinjournalismus spezialisiert. Literatur beim Autor E-Mail: frank.aschoff@web.de
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