Komplexes Leiden Diabetes

Praxis-Depesche 4/2022

Rückenschmerz durch Entzündung, Übergewicht und Depression

Der Diabetes gehört neben kardiovaskulären Erkrankungen, chronischen Atemwegserkrankungen und Krebs zu den „großen Vier“ der nicht übertragbaren Zivilisationskrankheiten unserer Zeit. Neben zahlreichen anderen Komplikationen leiden die Betroffenen häufig unter Depressionen und Schmerzen, die sehr häufig den unteren Rücken betreffen. Die Gründe für die Lumbalgie sind in dieser Patientengruppe dabei ebenso komplex und vielschichtig wie der Diabetes selbst.
Die globale Diabetesprävalenz (im Wesentlichen der Typ-2-Diabetes) wird auf 463 Millionen Menschen geschätzt (Stand 2019). Bei gleichbleibender Wachstumstendenz könnten es im Jahr 2045 sogar 700 Millionen Menschen sein. Die kennzeichnende Hyperglykämie und Insulinresistenz führen dabei zu einer Reihe an Komplikationen im ganzen Körper, angefangen von Störungen in den kleinsten Nerven- und Blutbahnen bis hin zum Versagen ganzer Organe und Absterben der Extremitäten. Das Management ist kompliziert, die psychische Last der Patient:innen enorm.
Schmerzen kommen allein schon durch die Entstehung der diabetischen Polyneuropathie zustande. Damit einher gehen Muskelatrophie, Koordinationsstörungen und Schmerzen, die sich ausgehend vom unteren Rückenbereich bis in den Nacken ziehen. Bei der Entstehung der Lumbalgie spielen aber noch viele weitere Faktoren eine Rolle.
 
Entzündetes Knorpelgewebe
Ein wesentlicher Aspekt ist der systemische Entzündungsstatus, der auch das Knorpelgewebe anfälliger für Inflammationsprozesse macht. Arteriosklerotische Prozesse tragen ebenso dazu bei, da die Bandscheiben schlechter mit Blut versorgt werden. Zudem sorgen AGE (advanced glycation endproducts, durch Kohlenhydrate verklebte Proteine, Lipide und Nukleinsäuren) für Knorpelentzündungen, Gewebeveränderungen und -verklebungen sowie für die Zerstörung der Chondrozyten.
Eine wichtige Rolle bei der Enstehung der Lumbalgie spielt sicherlich das eng mit Diabetes assoziierte Übergewicht. Die mechanische Überbelastung der Wirbel und Gelenke kann u. a. zu einer Degeneration der Bandscheiben, Bandscheibenvorfällen und Spinalstenosen führen. Die Zunahme an Fettgewebe vor allem im Rumpfbereich kann durch die Fehlbelastung verschiedene Wirbelekrankungen verursachen.
 
Mehr Fett, weniger Muskel
Vor allem in höherem Alter sorgt der Typ- 2-Diabetes dafür, dass die allgemeine Muskelkraft und im speziellen die Muskelmasse in den Beinen stärker abnimmt als es bei gesunden Älteren der Fall ist. Die Muskelatrophie nimmt gemeinsam mit der Insulinresistenz zu. Die Folgen sind zunehmende Mobilitätseinschränkungen und Körperbehinderungen.
 
Depression und Lethargie
Kommt zu dem Diabetes eine Depression dazu, entsteht daraus oft ein fataler Teufelskreis: Die Therapieadhärenz lässt nach, die Motivation für einen gesunden Lebensstil auch. Die körperlichen Einschränkungen und Schmerzen werden dadurch noch schlimmer.
Um eine Lumbalgie bei diabetischen Patientinnen und Patienten erfolgreich zu therapieren, ist es hilfreich, die Ursache des Schmerzes zu kennen, was angesichts der komplexen Mechanismen allerdings schwer zu eruieren ist. Meist bleibt also nichts anderes übrig, als die Schmerzen mit adäquaten Medikamenten zu lindern und mit den üblichen Präventionsmaßnahmen die Progression des Diabetes auszubremsen. OB
Quelle: Shahid S et al.: Association of diabetes with lower back pain: a narrative review. Cureus 2021; 13(6): e15776
ICD-Codes: E11.9
Urheberrecht: Adobe Stock - Andreas Berheide

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

x