Melatonin

NATUR+PHARMAZIE 1/2009

Schlafstörungen bei älteren Menschen

Schlafstörungen treten mit zunehmendem Alter immer häufiger auf. Sie können durch Krankheiten und/oder Arzneimittel mit bedingt sein. Mit Melatonin steht ein Hormon der Zirbeldrüse zur Verfügung, das den Tag-Nacht-Rhythmus normalisieren kann. Es verbessert insbesondere – wie in Phase-III-Studien belegt werden konnte – bei älteren Menschen die Schlafqualität.

Schlafstörungen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie trotz ausreichender Gelegenheit und entsprechender Umgebung auftreten. Die Betroffenen sind am Tag oft müde. Man unterscheidet drei bis vier einander überlappende Formen:

• Einschlafstörungen (20 bis 25%)

• Durchschlafstörungen (30 bis 35%)

• Zu frühes Erwachen (20 bis 25%)

• Kein erholsamer Schlaf (40 bis 45%)

Schlafstörungen sind häufig – etwa 30% der Bevölkerung und bis zu 50% der Patienten, die den Hausarzt aufsuchen, leiden unter einem gestörten Schlaf. Meist handelt es sich um eine chronische Erkrankung, denn 85% der Patienten haben das Problem schon länger als zwei Jahre.

Schlafstörungen nehmen mit dem Alter zu, während bei den 30- bis 40-Jährigen etwa 30% über Schlafstörungen klagen, sind es bei den Menschen ab 60 rund 50%. Dabei ist auch zu bedenken, dass Schlafstörungen durch andere Krankheiten ausgelöst werden können. Hierzu gehören beispielsweise Schmerzen wie Rückenschmerzen, Fibromyalgie oder Kopfschmerzen, Atemprobleme bei Asthmatikern, kardiovaskuläre und gas-trointestinale Erkrankungen (hier insbesondere die Refluxkrankheit), Krebserkrankungen sowie neurologische und psychiatrische Krankheiten wie Morbus Parkinson oder Demenzen.

Nicht zu vergessen sind Arzneimittel als Ursache von Schlafstörungen. Gerade ältere Menschen nehmen häufig nicht-steroidale Antirheumatika, Glucocorticoide, Beta- blocker, Theophyllin oder Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, die Schlafstörungen auslösen können. Die durch Lithiumsalze als Nebenwirkung ausgelöste Polyurie kann ebenfalls den Schlaf erheblich stören.

Besondere Aufmerksamkeit ist auf Kombinationspartner wie Koffein, das häufig in Schmerzmitteln und Erkältungspräparaten enthalten ist, zu richten. Und übermäßiger Alkoholgenuss kann ebenfalls nachhaltig den Schlaf stören.

Schlafhygiene einhalten

Grundlage der Therapie ist neben der Beseitigung, Vermeidung oder Einschränkung von äußeren Ursachen die Einhaltung einer Schlafhygiene. Hierzu gehört eine ausreichende tägliche körperliche Bewegung, die aber nicht am Abend stattfinden sollte. Das Nickerchen am Tag sollte vermieden werden. Alkohol und Koffein sind besonders am Nachmittag und Abend zu vermeiden. Das Bett sollte nur zum Schlafen genutzt werden. Der schlafgestörte Patient sollte möglichst immer zu den gleichen Zeiten zu Bett gehen und zu den gleichen Zeiten morgens aufstehen, auch am Wochenende. Sinnvoll können auch Angstbewältigungstechniken und Entspannungsübungen sein.

Melatonin: das Dunkelhormon

Melatonin ist ein Hormon der Zirbeldrüse. Es ist lipophil und kann jede Zelle im Körper erreichen. Seine Schlüsselfunktion besteht darin, dass es den Körperzellen vermittelt, dass es in der Umgebung dunkel ist. Alles, was eine Zelle in der Nacht tut, wird durch Melatonin ausgelöst. Dies sind bei nacht-aktiven Tieren wie Ratten andere Funktio-nen wie beim (normalerweise) tagaktiven Menschen.

Die physiologischen Melatonin-Spiegel variieren interindividuell sehr stark. Möglicherweise haben die einzelnen Menschen auch einen unterschiedlichen Bedarf an Melatonin. Daher ist schwierig zu entscheiden, wann der Melatonin-Spiegel zu niedrig ist. Bekannt ist jedoch, dass bei Patienten mit Depression häufig sehr niedrige Melatonin-Spiegel vorliegen.

Zudem konnte gezeigt werden, dass die Zirbeldrüse mit zunehmendem Alter verkalkt und weniger Melatonin ausschüttet. Das Ausmaß der Verkalkung geht mit einer Verkürzung der Schlafdauer und mit einer Verminderung des REM-Schlafanteils einher.

Melatonin als Schlafregulator

Melatonin gilt als physiologischer Schlafregulator – es ist für den Körper das Signal für Dunkelheit. Unbekannt ist, wie spezifisch es auf die Schlafkontrolle wirkt. Bekannt ist, dass die Melatonin-Sekretion bei Älteren zurückgeht, bei denen gleichzeitig Schlafstörungen zunehmen.

Die Wirksamkeit klassischer Schlafmittel wird daran gemessen, wie lange es bis zum Einschlafen dauert. Die Qualität des Schlafs und die Funktion am nächsten Tag wurden in den Studien nicht berücksichtigt. Die Hypothese bei der Entwicklung von Melatonin als Arzneimittel war jedoch, dass es auf die Schlafqualität wirkt. Hierzu musste eine Darreichungsform mit verzögerter Freisetzung entwickelt werden, da natürliches Melatonin nur eine kurze Halbwertszeit hat. Außerdem wurde in den klinischen Studien die Wirkung von Melatonin auf die Schlafqualität untersucht. Dies erfolgte mit dem Leeds Sleep Evaluation Questionnaire und mit Tagebüchern.

In drei klinischen Phase-III-Studien wurden Patienten im Alter ab 55 Jahren mit primärer Insomnie eingeschlossen. Sie durften keine weiteren Erkrankungen haben.

In der ersten Studie erhielten 40 Patienten über drei Wochen 2 mg retardiertes Melatonin täglich oder Plazebo, gefolgt von einer dreiwöchigen Absetzphase. In dieser Untersuchung besserte Melatonin signifikant die Schlafqualität. Die Schlafarchitektur wurde nicht modifiziert und es trat kein Rebound auf. In der zweiten Studie mit 170 Patienten konnte ebenfalls eine signifikante Verbesserung der Schlafqualität und der morgendlichen Aktivität nachgewiesen werden.

In der dritten Phase-III-Studie gab es keine dreiwöchige Absetzphase mehr. Primärer Endpunkt war die Responderrate bei der Schlafqualität und bei Funktionsparametern. Die Ansprechrate betrug in der Melatonin-Gruppe (n=169) 26,0% und war damit signifikant (p<0,05) höher als in der Plazebo-Gruppe (n=165) mit 15,2%. Darüber hinaus besserte Melatonin die Schlafqualität, die morgendliche Aktivität, die Einschlafdauer und die Lebensqualität bei den Patienten mit primären Schlafstörungen signifikant. Kognitive und psychomotorische Fähigkeiten wurden nicht beeinflusst. So blieben Reaktionszeit, Vigilanz, Gedächtnis und die Fähigkeiten zum Führen von Fahrzeugen unverändert. In allen Studien fand sich kein Hinweis auf Absetzphänomene oder Rebound-Reaktionen.

Retardiertes Melatonin ist für die Behandlung von Patienten ab einem Alter von 55 Jahren zugelassen, die an primären Schlafstörungen leiden, die insbesondere mit einer schlechten Schlafqualität einhergehen. Die Behandlung sollte drei Wochen dauern. Empfohlen wird, 2 mg Melatonin etwa zwei Stunden vor dem Schlafen gehen einzunehmen. Es hat keinen für den Menschen so direkt spürbaren Effekt, es ruft beispielsweise keine Benommenheit hervor. Mindestens eine Woche Therapie sind erforderlich, um das Ansprechen beurteilen zu können, teilweise dauert es jedoch auch sehr viel länger, bis ein Effekt gesehen werden kann. Dies wird u. a. damit erklärt, dass die Phasenverschiebung Zeit benötigt. sh

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