Funktionsstörungen der Milz | Apotheken-Depesche 3/2012

Splenektomie oder Hyposplenismus: Der Infektionsgefahr begegnen

Die Hauptkomplikationen bei fehlender Milz oder bei Milzfunktionsstörungen sind immunologischer und infektiöser Art. Der Direktor einer medizinischen Abteilung der Universität Pavia, Italien, ein weiterer Gastroenterologe und eine Spezialistin für die B-Zell-Entwicklung erläutern die Funktion und Beteiligungen der Milz bei diversen Erkrankungen.

Die Milz fungiert u. a. als phagozytischer Filter, der alternde und beschädigte Zellen aus dem Plasma entfernt (culling), ebenso solide Partikel aus dem Zytoplasma von Erythrozyten (pitting) und Organismen aus dem Blutstrom; zudem produziert sie Antikörper. Bakterien, die gemarkert (opsoniert) werden müssen, weil Makrophagen sie nicht gleich erkennen, entsorgen Leber und Milz. Schlecht opsonierte Keime wie verkapselte Bakterien, besonders S. pneumoniae, eliminiert nur die Milz.

Die Milz möglichst erhalten

Bringt ein Trauma die Milz in Gefahr, versucht man heute, sie zu erhalten, nur teilwei­se zu entfernen oder Gewebe in Taschen des Omentums (Netz) zu transplantieren (geschieht dies bei Ruptur spontan, heißt es Splenose).

Milzanomalien können den Verlauf vieler Leiden (siehe Kasten) komplizierter machen. So besteht z. B. bei homozygoter Sichelzellanämie, bei der die Milz immer stark betroffen ist, hohe Sepsisgefahr.

Zu funktionellem Hyposplenismus dürfte es bei 15 bis 40% aller allogenen Knochenmarktransplantationen kommen, ganz besonders bei chronischer Graft-versus-Host-Reaktion. Es drohen invasive Infektionen.

Zöliakie ist die häufigste mit Hyposplenismus assoziierte Erkrankung (33 bis 76%). Der Hyposplenismus korreliert mit der Dauer der Gluten-Exposition. Die Milzfunktion kann sich unter Diät erholen.

Bei HIV-positiven Personen fand sich ein funktioneller Hyposplenismus in 36%. In einer Studie beeinflusste eine antiretrovirale Therapie den Pool von IgM-Memory-B-Zellen günstig, in einer anderen nicht.

Hohes Sepsisrisiko

OPSI steht für over-whelming post-splenectomy infections – fulminante Sepsis, Meningitis oder Pneumonie, ausgelöst hauptsächlich durch S. pneumoniae, N. meningitidis und H. influenzae Typ b bei Patienten nach Milzentfernung oder mit Hyposplenismus. Das Risiko dieser Infektionen ist nach Splenektomie gegenüber der Gesamtbevölkerung über 50-fach erhöht. Beim Notfall OPSI können nur prompte Diagnose und Therapie die Mortalität von 50 bis 70%, meist in den ers­­ten 24 h reduzieren. Nach kurzem Prodrom mit Fieber, Zittern, Myalgie, Erbrechen, Diarrhö und Kopfschmerzen entwickelt sich in wenigen Stunden ein septischer Schock.

Enge Kooperation von Arzt und Patient unverzichtbar

Patienten und enge Bezugspersonen sollen angeleitet werden, ihre Ärzte bei jeder akuten fiebrigen Erkrankung sofort zu informieren, ganz besonders, wenn sie mit Schüttelfrost und Allgemeinsymptomen einhergeht.

Auch vor Reisen in tropische Länder muss wegen des hohen Risikos von Parasiten-Infektionen eine intensive ärztliche Beratung erfolgen.

Zu den weiteren Maßnahmen zählen sofortige Behandlung bei Bissen von Hunden oder anderen Tieren. Kein Konsens besteht über die Antibiotikaprophylaxe bei Zahnbehandlungen. Die Compliance bei der Prä-v-ention sinkt mit der Zeit, doch das OPSI- Risiko besteht auf lange Sicht.

Bei der dauerhaften Antibiotikaprophylaxe bei Kindern und Erwachsenen verweisen die Autoren auf verschiedene Leitlinien. In pun­c­to Impfungen (bei elektiver Splenektomie zum Teil vorher) gegen die drei wichtigsten verkapselten Bakterien diskutieren die Autoren ausführlich unterschiedliche Impfstoffe sowie Strategien für Auffrischungen. SN

Mit Hyposplenismus oder Milz-
atrophie assoziierte Erkrankungen
(Beispiele)

Gastrointestinale Leiden
Zöliakie, entzündliche Darmerkrankungen,
Morbus Whipple, Dermatitis herpetiformis
Leberleiden
Aktive chronische Hepatitis, primär biliäre
Zirrhose, Leberzirrhose und Pfortaderhoch-
druck, Alkoholismus und Alkohol-Hepato-
pathie

Onko-hämatologische Erkrankungen

Knochenmarktransplantation, chronische
Graft-versus-Host-Disease, akute Leukämie,
chronische myeloproliferative Erkrankun-
gen

Autoimmunerkrankungen

Lupus erythematodes, rheumatoide Arthri-
tis, Glomerulonephritis, Sjögren-Syndrom,
Polyarteriitis nodosa, Thyreoiditis, Sarkoi-
dose

Infektionskrankheiten

HIV / AIDS, Pneumokokkenmeningitis,
Malaria
Iatrogene Formen
Methyldopa-Exposition, hochdosierte
Steroide, parenterale Ernährung, Milz-
bestrahlung

Quelle: Di Sabatino A et al.: Post-splenectomy and hyposplenic states, Zeitschrift: THE LANCET, Ausgabe 378 (2011), Seiten: 86-97

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