Natur und Pharmazie im Gespräch

NATUR+PHARMAZIE 4/2021

Verbundensein als der Gesundheitsfaktor!

Gute soziale Kontakte sind für ein gelingendes Leben entscheidend, das ahnt man. Aber dass sie im Ranking der Faktoren für ein gesundes, zufriedenes und langes Leben ganz oben stehen – noch vor Ernährung und Bewegung! – ist doch erstaunlich. So freute sich die Diplom-Psychologin Ulrike Scheuermann auch über dieses Ergebnis einer großen Studie, zumal es ihre Erfahrungen bestätigt und ein gewichtiges Argument in ihrem neuen Buch liefert: Freunde machen gesund. Sie ist Bestsellerautorin, Vortragsrednerin und Coach – also vielfältig tätig. Der N+P-Redakteur Frank Aschoff kennt sie persönlich: Vor 10 Jahren war sie seine Dozentin an der Alice-Salomon-Hochschule. Nun konnte er sie anlässlich ihres neuen Sachbuches interviewen, für das sie sehr tief in den Stand der Forschung zum Thema der Prävention durch soziales Eingebundensein eingetaucht ist.
Du fängst mit einer Szene an, in der du dich als 14-jährige Spätentwicklerin mit Neurodermitis und ihren entsprechenden Problemen schilderst. Welche Rolle für deinen Weg hat diese Krankheit gespielt?
Ich habe irgendwann beschlossen, dass diese Krankheit etwas so Prägendes in meinem Leben war, dass es auch sinnvoll ist, das zu erzählen. Auch wenn ich heute eigentlich gesund bin und nur noch manchmal ahne, dass ich mal Neurodermitis hatte, hat es mich sehr beeinflusst. Die Krankheit hat mich in den ersten 25 Jahren meines Lebens beherrscht. Ich musste mich als schwerer Fall sehr intensiv damit auseinandersetzen. Ich schreibe so etwas nicht, um mein Leiden auszubreiten, sondern aus didaktischen Gründen. Ich möchte den Lesenden die Möglichkeit bieten, zu erfahren, wie man sich mit etwas Schwierigem auseinandersetzen und daran lernen und wachsen kann. Natürlich nicht auf die Art, dass ich schreibe, dass früher alles schrecklich in meinem Leben war und jetzt alles gut und man das nur noch nachmachen muss. Aber Geschichten sind hilfreich.

 

 
Was war der Impuls dafür, das Thema „Verbundenheit“ zu vertiefen?
Dieses Thema Verbundenheit ist tatsächlich ein Hintergrund dafür, dass ich meine persönlichen Geschichten erzähle. Ein Ansatz in meiner Arbeit ist es, Menschen dabei zu helfen, alle Seiten ihrer Person anzunehmen, auch die ungeliebten, die schwierigen, oder diejenigen, für die sie sich vor anderen Menschen schämen. Indem ich selbst etwas erzähle, was für mich schwierig war und ist, vermittle ich, dass es geht. Auch für mich ist das manchmal nicht leicht. Aber ich versuche, mich mit all dem anzunehmen, was mich ausmacht. Und das ist eine ganz wichtige Voraussetzung dafür, Verbundenheit mit anderen Menschen aufzubauen. Wir verbinden uns nicht darüber, dass wir uns besonders toll darstellen und perfekt sind. Das macht unnahbar und cuttet eher die Verbindung zu anderen, weil andere sich dann klein und defizitär fühlen. Wenn man sich ganz zeigt, dann können andere anknüpfen. Dann entsteht Verbundenheit. Im neuen Buch habe ich das ausgebaut zu dem Thema „Soziale Kontakte“ und wie diese uns gesund machen. Und dies habe ich im Titel „Freunde machen gesund“ zusammengefasst. „Freunde“ ist hier im weiten Sinne gemeint: alle nahen und fernen sozialen Kontakte, die uns wichtig sind. Verbundenheit ist die subtile Grundlage für alles andere. Das ist die Grundmusik, die unter dem Thema liegt.
 
Du beschreibst die sehr tiefen und innigen Beziehungen als besonders gesundheitsfördernd ...
In den im Buch dargestellten Beziehungskreisen gibt es die ganz nahen, stabilen, innigen, emotional bedeutsamen und verlässlichen Beziehungen, die sehr wichtig für uns sind. Es gibt aber auch die größeren Kreise: die Gruppen, die Nachbarschaft, das Team bei der Arbeit, der größere Kreis der Familie und Verwandtschaft. Die sind auch wichtig für uns. Der eine Faktor ist das Eingebundensein in eine Gemeinschaft, auch mit vielen Menschen und der andere Faktor ist der stabile, nahe Kontakt.
 
Du bist auf eine Meta-Analyse gestoßen, die in der Liste der Faktoren für Langlebigkeit, also ein gesundes, langes Leben eben nicht Ernährung und Bewegung, wie man spontan denken würde, an erster Stelle der Ergebnisse stehen hat, sondern die soziale Verbindung. War das für dich auch überraschend?
Es war vor allem eine große Freude, als ich diese Ergebnisse entdeckt habe. Das Buch will ich ja seit vielen Jahren schreiben, es war über viele Jahre angelegt, gereift. Ich wusste sofort: Das ist mein dickes, fettes Argument, um zu belegen, wie wichtig soziale Beziehungen sind, auch für Zufriedenheit und langfristiges Glück. Es gibt außerdem eine Harvard-Studie, die längste Langzeitstudie, die 1938 begonnen wurde und die immer noch weiterläuft. Da geht es um das Wohlbefinden von Menschen und auch hier lautet das aktuelle Fazit der Forschenden – mittlerweile in der vierten Generation: Ein gutes Leben besteht aus guten Beziehungen.
 
Es gibt doch sicher auch Erklärungsmodelle für diesen erstaunlichen Befund, oder?
Einer der wichtigsten Gründe für diesen starken Faktor Sozialkonkakte ist, dass wir Beziehungswesen sind. Der Normalzustand ist das Zusammensein, das Verbundensein. Dazu schaut man auch gern in die Entwicklungsgeschichte: In Sippen war man Tag und Nacht zusammen. Man geht davon aus, wenn der Kontakt in der Gruppe gut ist, man sich sicher fühlt, dann ist dies ein enorm starker Faktor, der den Stresslevel niedrig hält, bzw. der verhindert, dass man Stress empfindet. Und Stress wiederum ist einer der wichtigsten Hintergründe für Krankheiten – vor allem der dauerhaft hohe Stresslevel. Daneben gibt es auch ganz praktische Gründe: Wenn man Menschen hat, die einem helfen, die einem beistehen, dann fahren die einen auch zum Beispiel bei einem Notfall ins Krankenhaus, etwa nach einem Schlaganfall. Dazwischen ist der ganze Fächer an Gründen: Entlastung durch Gespräche, Rat holen, das Gefühl, andere sind für mich da, wenn etwas Schlimmes passiert. Ein Gefühl von Aufgehobensein lässt uns ein emotional ruhigeres und weniger für Depressionen anfälliges Leben führen. Einsamkeit ist ein Risikofaktor für Depressionen, der Volkskrankheit schlechthin.
 
Was kann man einsamen Patient: innen konkret raten?
Wichtig zu wissen ist, dass Einsamkeit etwas ganz anderes ist als soziale Isolation, oder auch als das Alleinsein. Man kann alleine sein, ohne sich einsam zu fühlen und es zum Beispiel genießen, seine Ruhe zu haben. Das kann ein schöner Zustand sein. Man kann sich dabei trotzdem verbunden fühlen und so schadet es nicht. Das Schwierige ist das Einsamkeitsgefühl, das übrigens auch unter Menschen vorhanden sein kann. In der Pandemiesituation entsteht Einsamkeit. Wir kennen die Zahlen: Die Werte von Depressionen, Ängsten und Schlafstörungen sind um das 3- bis 5-fache gestiegen. Das hat natürlich mit dem Einsamkeitsempfinden zu tun.
Es gibt verschiedene Arten, wie man Einsamkeit lindern kann. Eine Möglichkeit ist es, sich einmal am Tag zu überwinden, zum Beispiel jemanden anzurufen. Und wenn da kein naher Mensch ist, rufe ich trotzdem irgendwo an, vielleicht in einem Geschäft, um mit einer beiläufigen Frage eine Möglichkeit für einen Kontakt zu haben. Eine andere Möglichkeit, die man nicht bagatellisieren sollte, ist zum Beispiel zum Bäcker zu gehen und dort ein bisschen mit der Bäckerin zu reden, oder mit der Kassiererin im Supermarkt. Auch diese kurzen, beiläufigen Kontakte im Alltag können helfen, wieder in Verbindung zu sein. Da gibt es vielleicht eine Resonanz, die Stimmung wird gehoben, es motiviert, mehr zu machen. Das ist ein schöner Weg, wenn die nahen Kontakte nicht da sind.
Auch den Perfektionismus kann man loslassen und nicht denken, dass man ganz toll wirken muss oder etwas ganz Schlaues sagen muss. Darum geht es nicht, sondern darum, irgendetwas zu sagen. Und da gilt: Wetter geht immer. Und Pandemie geht auch immer, inzwischen die Nummer zwei nach dem Wetter. Zum nicht perfektionistisch sein, gehört auch, sich anzuvertrauen, zum Beispiel um Hilfe zu bitten. Hier sind viele sehr zurückhaltend und das ist wirklich schade – weil: Menschen helfen gerne! Das ganze Prinzip Hilfe ist angelegt in unserem menschlichen Zusammensein, das auf Kooperation und Hilfe basiert. Wir sind aber etwas aus der Übung damit. Grundsätzlich freuen sich Menschen, wenn sie um Hilfe gebeten werden, es muss ja nicht gleich der Riesen-Umzug sein.
Menschen, die gebeten werden, fühlen, dass sie gebraucht werden und der Selbstwert steigt. Wenn die bittende Person dann noch dankt, ist dies ein weiterer großer Bindungsbooster.
 
Das Gespräch hat N+P-Redakteur Frank Aschoff geführt.
Urheberrecht: Christian Hesselmann
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