Interview mit Rachel Roberts

Naturmedizin

Zur Homöopathie kursieren viele Fake News

Rachel Roberts ist Hauptgeschäftsführerin des Homeopathy Research Institute (HRI) in London. Im Rahmen einer Pressekonferenz der Deutschen Homöopathie Union (DHU) am 16.11.2021 gab sie ein Interview zu ihrem persönlichen Weg zur Homöopathie, zu ihrer Arbeit beim HRI und zum medialen Umgang mit der Methode. 
Sie sind Diplom-Biologin und haben einen Ehrendoktortitel. Wie sind Sie zur Homöopathie gekommen?

Ich war eine 21-jährige engagierte Studentin der Naturwissenschaften, kurz davor eine Promotion in Neurowissenschaften zu beginnen, als Ereignisse mein Leben in eine völlig unerwartete Richtung lenkten. Damals hielt ich alle Formen der Komplementärmedizin für absoluten Blödsinn − insbesondere die Homöopathie −, aber gleichzeitig erlebte ich plötzlich die erheblichen Begrenzungen der konventionellen Medizin. Obwohl ich alle möglichen Behandlungen ausprobiert hatte, konnte mir kein Arzt bei meinem Gesundheitsproblem (schmerzhafte Neurome in den Füßen) und auch nicht bei denen meines Vaters oder meines Bruders helfen. Das schockierte mich, denn bis dahin hatte ich wirklich geglaubt, dass die moderne Medizin in den 1990er Jahren auf fast alles eine Antwort hatte.

 

In meiner Verzweiflung überredete mich ein Freund, eine Heilpraktikerin aufzusuchen. Sie wandte verschiedene Techniken an und erreichte in einer Sitzung mehr als alle Ärzte, die ich über mehrere Jahre hinweg aufgesucht hatte. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Erleichterung, dass es mir besser ging, und dem Schock, dass diese Frau, die keine Ärztin war, mir tatsächlich geholfen hatte!

 

"Ich war immer noch am Zweifeln, aber es faszinierte mich genug, um mich einmal auf einen lebensverändernden Gedankengang einzulassen."

 

Der letzte Schritt war ein Gespräch bei einer Dinnerparty, das den Verlauf meiner Karriere änderte. Eine Frau, die ich schon mein ganzes Leben lang kannte, erzählte, dass sie über viele Monate an erschöpfenden postviralen Symptomen gelitten habe und kein Arzt ihr helfen konnte. Ihre Tochter drängte sie hartnäckig, ihren Homöopathen aufzusuchen. Obwohl sie die Homöopathie für "lächerlich" hielt, willigte sie schließlich in einen Termin ein, nur um den Familienstreit zu beenden. Sie erhielt eine einzige Tablette, und zu ihrer völligen Überraschung fühlte sie sich innerhalb weniger Tage deutlich besser. Bei einem Folgetermin einen Monat später wurde ihr eine zweite Tablette verabreicht, die die Beschwerden „vollständig verschwinden“ ließ.

Rachel Roberts im Interview mit der Naturmed-Depesche über Ihre Erfahrungen mit Homöopathie und Fake News
© privat Rachel Roberts ist Hauptgeschäftsführerin des Homeopathy Research Institute (HRI)
in London.

Ich gebe zu, dass ich diesen Abend ruiniert habe. Ich befragte sie zu jedem Detail ihrer Diagnose, zu früheren Behandlungen, zum Zeitplan, zu allem. Ich dachte es logisch durch - sie war intelligent, sie fabulierte nicht, sie hatte zuvor keine Offenheit für alternative Medizin und ihre Skepsis hätte den Placebo-Effekt abgeschwächt.

Ich war immer noch am Zweifeln, aber es faszinierte mich genug, um mich einmal auf einen lebensverändernden Gedankengang einzulassen: Nehmen wir an, diese Geschichte wäre wahr. Was wäre, wenn eine oder zwei homöopathische Tabletten tatsächlich die Gesundheit wiederherstellen konnten, auch wenn die konventionelle Medizin dies nicht vermochte? Was würde das für die Patienten bedeuten? Für die Zukunft der Medizin? War das wirklich möglich?

Und so ging ich am nächsten Tag in die größte Buchhandlung meiner Stadt und kaufte das erste Lehrbuch über Homöopathie, das ich finden konnte - geschrieben von einem deutschen Arzt. Er beschrieb darin seine erfolgreiche Behandlung von Patient zu Patient, als sei die homöopathische Medizin das Normalste der Welt. Und das war's. Meine wissenschaftliche Neugierde ließ mich nicht mehr zurückkehren. Ich brach meine geplante Promotion ab und schrieb mich stattdessen für einen dreijährigen Vollzeitkurs zur Ausbildung in Homöopathie ein.

 

Sie haben als Homöopathin gearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie mit der Homöopathie gemacht?
In Großbritannien ist es ein wenig anders als in Deutschland. Neben Naturheilkundlern gibt es auch spezielle 3-4-jährige Ausbildungskurse in Homöopathie, die sowohl für Nicht-Mediziner als auch für Ärzte offen sind. Das war meine Ausbildung, und ich war von 1997-2012 in einer privaten Allgemeinpraxis in London tätig. Außerdem war ich über 10 Jahre lang Dozentin für Homöopathie an verschiedenen Ausbildungsstätten für Heilkundler im Vereinigten Königreich und in Übersee.

 

"Im Zeitalter der "Fake News" sehen wir dauernd, dass in den Mainstream-Medien und im Internet völlig falsche Informationen über die Homöopathie kursieren."

 

Was ist das HRI und was ist Ihre Aufgabe dort?
Das HRI ist ein gemeinnütziger Verein, der sich der Förderung qualitativ hochwertiger Forschung im Bereich der Homöopathie auf internationaler Ebene widmet. Unsere Arbeit konzentriert sich auf zwei Schwerpunkte: neue, gründliche Studien zu ermöglichen und über die vorhandene Evidenzbasis präzise aufzuklären. HRI wurde von einem Physiker, Dr. Alexander Tournier, gegründet, der zuvor am renommierten Forschungsinstitut „Cancer Research UK" gearbeitet hatte und interdisziplinäre Forschung an den Grenzen zwischen Mathematik, Physik und Biologie betrieb. Ich bringe als Geschäftsführerin meine Erfahrung in den klinischen, akademischen und politischen Aspekten der Homöopathie ein, um Alex' wissenschaftliche Expertise zu ergänzen.

Ich bin für das Tagesgeschäft und die strategische Ausrichtung des gemeinnützigen Vereins verantwortlich, aber meine besondere Leidenschaft ist es, mit Fehlinformationen über die Evidenzlage zur Homöopathie aufzuräumen.

Im Zeitalter der "Fake News" sehen wir dauernd, dass in den Mainstream-Medien und im Internet völlig falsche Informationen über die Homöopathie kursieren. Das ist nicht nur frustrierend für diejenigen, die sich mit dem Thema auskennen. Sondern auch potenziell schädlich für die Patienten, da es jemanden von der Homöopathie abschrecken kann, obwohl er von dieser Form der Behandlung profitieren könnte.

Ich hoffe daher, dass meine Bemühungen präzise Informationen öffentlich zur Verfügung zu stellen, es den Patienten ermöglicht, eine wirklich fundierte Entscheidung über die zur Verfügung stehenden Gesundheitsoptionen zu treffen.

 

Wie gehen Sie mit der Tatsache um, dass der Wirkmechanismus der Homöopathie noch nicht erklärt werden kann?
Wie genau homöopathische Arzneimittel wirken, ist die "Millionen-Dollar-Frage", und es gibt mehrere Forschungsteams auf der ganzen Welt, die diese Frage untersuchen. Wie die meisten Menschen wissen, werden einige homöopathische Arzneimittel über den Punkt hinaus verdünnt, an dem man erwarten würde, dass irgendwelche Moleküle übrigbleiben. Und dennoch sehen wir, dass diese Arzneimittel in Laborstudien an Kaulquappen[1], Fischen[2], weißen Blutkörperchen[3] und Pflanzen[4] sowie in klinischen Studien am Menschen[5] biologische Wirkungen haben.

Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass homöopathische Arzneimittel nicht auf die gleiche Weise wirken können wie herkömmliche Arzneimittel. Und die Art der oben genannten Laborstudien schließt aus, dass es einen Placebo-Effekt im Spiel ist. Es muss also ein neuer Wirkmechanismus im Spiel sein.

 

"Ich freue mich auf den Tag, an dem der Wirkmechanismus endlich nachgewiesen wird. Dies würde nicht nur meine eigene wissenschaftliche Neugier stillen, sondern auch die Akzeptanz homöopathischer Arzneimittel erhöhen und somit mehr Patienten zugutekommen."

 

Bei der Herstellung von homöopathischen Arzneimitteln werden diese nicht nur verdünnt, sondern die Probe mit dem ursprünglichen Wirkstoff (z. B. eine Pflanze oder ein Mineral) wird zwischen den einzelnen Verdünnungsschritten mindestens 10-mal heftig geschüttelt. Diese sogenannte „Verschüttelung“ erzeugt extreme Kräfte im Inneren des Fläschchens - genug, um Moleküle aus dem Inneren des Glasgefäßes in die Flüssigkeit zu reißen. Tatsächlich wird dieser Effekt in der konventionellen Medizin untersucht. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die entstehenden G-Kräfte die Proteine des Medikaments verändern können, wenn man ein Fläschchen oder eine Spritze versehentlich fallen lässt[6].

Dieser Stripping-Effekt allein reicht jedoch nicht aus, um die Homöopathie zu erklären. Es stellt sich also die Frage, welche anderen physikalisch-chemischen Veränderungen durch die Verschüttelung hervorgerufen werden. Und wie dadurch spezifische Informationen der ursprünglichen Substanz in die umgebende Flüssigkeit übertragen werden können - und zwar in einer Weise, die den Verdünnungsprozess übersteht. Die Beantwortung dieser Frage könnte der Schlüssel zum Verständnis sein, wie homöopathische Arzneimittel selbst bei starker Verdünnung biologisch aktiv bleiben.

Das HRI hat Grundlagenforschungsprojekte mitfinanziert, um zu den weltweiten Bemühungen um die Erforschung des Wirkmechanismus zu unterstützen. Dazu gehörte beispielsweise eine dreijährige Zusammenstellung und Analyse aller bisher zu diesem Thema durchgeführten Versuche[7]. Diese Studie hat uns geholfen, besser zu verstehen, warum einige Experimente in der Vergangenheit erfolgreich Unterschiede zwischen homöopathischen Arzneimitteln und Placebo zeigten, während dies in anderen nicht der Fall war. Diese Erkenntnisse fließen in künftige, methodisch verbesserte Untersuchungen ein und beschleunigen so den Fortschritt in diesem Forschungsgebiet.

Ich freue mich auf den Tag, an dem der Wirkmechanismus endlich nachgewiesen wird. Dies würde nicht nur meine eigene wissenschaftliche Neugier stillen, sondern auch die Akzeptanz homöopathischer Arzneimittel erhöhen und somit mehr Patienten zugutekommen.

Ich möchte jedoch auch daran erinnern, dass man nicht verstehen muss, wie ein Arzneimittel wirkt, um es anwenden zu können. Es gibt viele Beispiele für konventionelle Arzneimittel, die jahrelang verwendet wurden, bevor wir überhaupt wussten, wie sie funktionieren - darunter Aspirin und Anästhetika, um nur zwei zu nennen. Solange Arzneimittel sicher und wirksam eingesetzt werden können, ist die Frage, wie sie funktionieren, eine zweitrangige Forschungs-Angelegenheit.

Wo sehen Sie die Grenzen der Homöopathie?
Kein medizinisches System kann jedes klinische Szenario bei jedem Patienten abdecken, und die Homöopathie ist da keine Ausnahme. Es ist wichtig, dass komplementäre Ansätze wie die Homöopathie neben der konventionellen Medizin eingesetzt werden, und dass immer die am besten geeignete Option verwendet wird. In bestimmten Situationen - am offensichtlichsten bei Krebspatienten oder bei chirurgischen Eingriffen - ist die Schulmedizin unverzichtbar. Aber auch in diesen Fällen kann die Homöopathie eine hervorragende Unterstützung sein und bei Nebenwirkungen und Genesungszeiten helfen. Dieser integrierte Ansatz ist optimal für die Patienten, die so von den Vorteilen beider Ansätze profitieren können.

Eine Studie des Royal London Homeopathic Hospital in London[8], in der 500 Patienten beobachtet wurden, zeigt, wie die beiden Disziplinen je nach Diagnose auf unterschiedliche Weise zusammenpassen. Die Studie ergab, dass die homöopathische Behandlung bei vielen Patienten zu einer Verringerung der Einnahme von konventionellen Medikamenten führte, wobei dies jedoch je nach Diagnose variierte, d. h. 72 % der Patienten mit Hautbeschwerden konnten ihre konventionellen Medikamente absetzen oder reduzieren, während bei Krebspatienten erwartungsgemäß keine Verringerung der Medikation zu verzeichnen war.

Warum ignorieren die Kritiker die wissenschaftliche Forschung zur Homöopathie?
In der Regel liegt das daran, dass sie die Forschung nicht aus erster Hand kennen und die Homöopathie selbst kaum oder gar nicht verstehen. Meistens haben die Kritiker nur die typischen ungenauen Medienartikel gelesen, in denen behauptet wird, es gäbe keine Beweise für die Wirksamkeit der Homöopathie oder die Forschung zur Homöopathie sei von schlechter Qualität, aber sie haben die Daten nie selbst gelesen.

Für die wenigen, die tatsächlich einige Homöopathiestudien gelesen haben, ist das andere Problem, auf das wir bei HRI regelmäßig stoßen, der so genannte "Plausibilitäts-Bias", d. h. das Nichtakzeptieren von Forschungsergebnissen, die dem widersprechen, was man derzeit für möglich hält. Die folgende Situation ist stereotypisch und mir mehrfach passiert: Ich sitze mit einem Professor, der der Homöopathie kritisch gegenübersteht, zusammen. Ich zeige ihm eine sehr gründliche Forschungsarbeit, die in einer hochkarätigen wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht wurde und die zu dem Schluss kommt, dass Homöopathie besser wirkt als Placebo. Wenn ich ihn nach seinen Gedanken zu den Ergebnissen frage, kommt: "An der Studie muss etwas falsch sein." Ich antworte: "Nein, das stimmt nicht. Wir haben sie gründlich überprüft und kennen den Autor persönlich. Wir können uns dafür verbürgen, dass alles genau so gemacht wurde, wie es sein soll." Seine Antwort: "Da kann aber etwas nicht stimmen, denn Homöopathie ist unmöglich."

Das ist kein objektives wissenschaftliches Denken. Wenn die Daten eine Wirkung zeigen, kann man nicht einfach weiter sagen: "Das ist unmöglich", weil es nicht das Ergebnis ist, das man erwartet hat. Aber andererseits verstehe ich, dass es Zeit braucht, um von einer Meinung abzurücken, die man viele Jahre lang vertreten hat. Für solche Menschen ist mehr Forschung erforderlich, um eine so überzeugende Evidenzgrundlage zu schaffen, dass sie akzeptieren können, dass Medizin-Wissenschaft mehr ist als nur Biochemie und Homöopathie mehr als nur "Zuckerkügelchen".

Auch positive wissenschaftliche Studien zur Homöopathie werden von den Kritikern oft ignoriert. Was denken Sie, warum ist das so?
Die Meinung von Kritikern wurde stark von einem einzigen negativen Bericht[9] über Homöopathie beeinflusst, der 2015 von einem angesehenen Forschungsinstitut in Australien veröffentlicht wurde. Diese Studie hat die Öffentlichkeit völlig in die Irre geführt, indem sie fälschlicherweise behauptete, es gäbe "keine verlässlichen Beweise" für die Wirksamkeit der Homöopathie bei irgendeiner Gesundheitsbeschwerde. Sie ging sogar so weit zu behaupten, es gäbe keine einzige qualitativ hochwertige positive Studie, die zeige, dass Homöopathie über Placebo hinaus wirkt. Und das ist einfach unwahr – wie man eindrucksvoll bewiesen sieht, wenn man einmal die HRI-Website besucht. Da wir auf unserer Website nur qualitativ hochwertige Studien aufführen, zeigt die Lektüre aller Studien, die Sie dort finden, dass dieser "australische Bericht" völlig falsch ist.

 

"Der Schlüssel zu einer optimalen homöopathischen Behandlung liegt darin, die Wahl des homöopathischen Mittels auf die individuellen Symptome des jeweiligen Patienten abzustimmen."

 

Nach welchen Kriterien wurde die Homöopathieforschung in dem australischen Bericht bewertet, und wie beurteilen Sie diese Kriterien?
Für diese Studie haben die australischen Forscher ihre eigene Definition von "zuverlässiger" Evidenz geschaffen - eine Definition, die weder jemals zuvor noch nachher in irgendeiner anderen Evidenzübersicht weltweit verwendet wurde. Um als "zuverlässig" eingestuft zu werden, musste eine Studie mindestens 150 Teilnehmer und eine Qualitätsbewertung von 5/5 auf der Jadad-Skala (oder eine gleichwertige Bewertung auf anderen Qualitätsskalen) aufweisen. Der Schwellenwert von mindestens 150 Teilnehmern ist völlig willkürlich, da es sehr wohl möglich ist, eine qualitativ hochwertige, valide Studie mit weniger Teilnehmern durchzuführen. Der Qualitätsschwellenwert ist ebenfalls beispiellos; normalerweise betrachten Forscher Studien mit einer Bewertung von 3/5 oder mehr als gültig. In der „australischen Studie“ entsprachen am Ende von den 176 ausgewerteten Studien nur 5 Studien deren eigener Definition von "zuverlässig". Es überrascht also nicht, dass die Autoren "keine zuverlässigen Beweise" für die Wirkung der Homöopathie fanden.

Was hat Robert Mathie bei seiner systematischen Überprüfung und Meta-Analyse von placebokontrollierten klinischen Studien mit individueller homöopathischer Behandlung herausgefunden? Diese entsprechen dem so genannten "Goldstandard".
Um individualisierte homöopathische Behandlungen zu bewerten, untersuchte Robert Mathie im Jahr 2014 22 doppelblinde, placebokontrollierte, randomisierte klinische Studien – also Studien, die dem sogenannten "Goldstandard" entsprechen, der üblicherweise zur Prüfung konventioneller Arzneimittel verwendet wird. Seine Analyse ergab, dass individuell verordnete homöopathische Arzneimittel mit 1,5- bis 2,0-fach höherer Wahrscheinlichkeit eine positive Wirkung haben als Placebo, wobei die drei Studien mit der besten Qualität die positivsten Ergebnisse zeigten.

Kann man zu einer individuellen Therapie wie Homöopathie überhaupt seriös forschen?
Der Schlüssel zu einer optimalen homöopathischen Behandlung liegt darin, die Wahl des homöopathischen Mittels auf die individuellen Symptome des jeweiligen Patienten abzustimmen. Im Vergleich zu konventionellen Arzneimittelstudien, bei denen jedem Patienten genau das Gleiche verabreicht werden kann, stellt dies die Forscher vor Herausforderungen. Aber es ist nicht unmöglich.

Die Forscher haben sich im Laufe der Jahre mit diesem Problem befasst, und die neuesten Studiendesigns können diesem Umstand Rechnung tragen. Bei diesen placebokontrollierten Studien, in denen die individualisierte Homöopathie getestet wird, erhalten beispielsweise alle Patienten ein Beratungsgespräch, und die individuelle Verschreibung wird ausgewählt. Nur der Studienapotheker weiß, welche Patienten dann ihr verschriebenes Mittel oder ein identisch aussehendes Placebo erhalten. Dies bietet die Präzision einer wissenschaftlichen Standardstudie, ohne die Qualität der homöopathischen Intervention zu beeinträchtigen.

Eine andere Möglichkeit, die volle Wirkung homöopathischer Behandlungen zu erfassen, ist eine Art "Real world-Effektivität"-Studie: Eine Gruppe erhält eine homöopathische Beratung und ein individuelles Rezept, während die andere Gruppe die übliche konventionelle Behandlung erhält.

Jede Art von Studie hat unterschiedliche Vorteile - erstere zeigt isoliert die Wirkung der Arzneimittel an sich, während letztere zeigt, wie gut ein vollständiges Behandlungs-Paket für Patienten in realen klinischen Situationen funktioniert - unabhängig davon, ob sie homöopathische oder konventionelle Medizin erhalten.

 

Was muss die Homöopathieforschung Ihrer Meinung nach in Zukunft leisten?
Der Sektor muss mehr Evidenz-Nachweise erbringen, die sich auf Bereiche konzentrieren, in denen klinischer Bedarf besteht. Also etwa für Krankheiten, bei denen die konventionelle Medizin keine vollständige Lösung bietet - sei es, dass die Wirksamkeit bei einigen Patienten nicht ausreicht oder dass Probleme mit erheblichen Nebenwirkungen auftreten.

Es ist verständlich, dass Forscher Studien durchführen wollen, die noch nie zuvor durchgeführt wurden. Aber leider hat dieses Streben nach Innovation zu einer sehr verstreuten Evidenzbasis geführt. Es gibt insgesamt 233 randomisierte kontrollierte Studien[10], die jedoch 129 verschiedene Krankheitsbilder abdecken, d. h. wir haben im Durchschnitt weniger als zwei Studien pro Krankheitsbild. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, frühere positive Studien zu wiederholen. So gibt es beispielsweise aussagekräftige Studien, die die Wirksamkeit der Homöopathie bei häufigen Erkrankungen wie Heuschnupfen[11], Nebenhöhlenentzündung[12], Schlaflosigkeit[13] und Endometriose[14] belegen. doch solange diese Studien nicht von einem anderen Forschungsteam wiederholt werden, haben ihre Ergebnisse nur begrenzte Bedeutung. Das ist frustrierend, denn diese Studien zeigen, dass es bereits homöopathische Behandlungen gibt, die vielen Patienten helfen könnten, doch derzeit sind sie eine relativ ungenutzte Ressource in der Gesundheitsversorgung.

 

In der Forschung sollte sich also einiges tun in den kommenden Jahren. In der medizinischen Praxis haben wir aber ja heute schon das Glück, die moderne, konventionelle Medizin ebenso wie die Homöopathie und andere komplementäre Verfahren zu haben. Wie gehen Sie persönlich mit dieser Wahlmöglichkeit um?
Ich bin unglaublich dankbar, dass ich die Homöopathie mit Anfang 20 entdeckt habe. Denn so konnte ich den Großteil meines Erwachsenen-Lebens von zwei "Werkzeugkästen" profitieren - entweder von der konventionellen Medizin oder von der Homöopathie, oder häufiger von beiden zusammen - je nachdem, mit welcher Krankheit ich konfrontiert bin. Ich verwende homöopathische Mittel so routinemäßig, dass ich es mir nicht vorstellen kann, ohne sie auszukommen und nur noch auf schulmedizinische Mittel zurückgreifen zu können. Das treibt mich stark an, auch anderen zu helfen, die gleichen Wahlmöglichkeiten zu haben.

Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Vor kurzem wurde ich im Urlaub von einer Qualle gestochen. Mein Knöchel war mit leuchtend roten Flecken übersät, und das Brennen und Stechen war schrecklich. Sobald ich ins Hotel zurückkam, nahm ich ein homöopathisches Mittel und innerhalb von 15 Minuten war der Schmerz weg. Ich trug auch eine homöopathische Creme auf, und es war nichts mehr, außer dass es furchtbar aussah! Wenn das homöopathische Mittel nicht schnell gewirkt hätte, wäre ich in die Klinik gegangen, doch das war nicht nötig. Es war eine Lappalie. Aber jedes Mal, wenn ich die Homöopathie anwende, ist es eine Chemiekeule weniger, die ich meinem Körper zuführe. Und ich finde, dass es über die ganze Lebenszeit hinweg betrachtet gut ist, den Einsatz pharmazeutischer Medikamente auf Situationen zu beschränken, wo sie die einzige wirksame Option sind.

 

 
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